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Otroversion: Gibt es ein drittes Persönlichkeitsmerkmal?
Das introvertierte und extrovertierte Persönlichkeitsmerkmal ist bekannt. Ein US-Psychiater spricht von Otroversion bei „freiwilligen Einzelgängern“. Wie seriös ist das?
Das Medikament Ivermectin wird in einigen Ländern gegen Covid-19 eingesetzt. Auch in Deutschland gibt es Befürworter. Trotzdem ist es nicht für den Gebrauch zugelassen, denn die Datenlage ist dünn. Neuen Schwung in die Diskussion bringt nun die Ankündigung der Uni Oxford, die Wirksamkeit in einer groß angelegten Studie zu untersuchen.
Hamburg. Wer im Netz nach Artikeln zum Thema Ivermectin sucht und sich durch die Kommentarspalten der zahlreichen Artikel scrollt, liest schnell von „Big Pharma“ und „einem Skandal ersten Ranges“, weil der Einsatz des Medikaments aus geschäftlichen Interessen unterdrückt werde. Immer wieder werden Studien zitiert, die eine Wirksamkeit des Mittels gegen Covid-19 angeblich belegen sollen.
Schnell wird deutlich, dass es bei dem in Deutschland als Krätze-Medikament zugelassenen Ivermectin mindestens zwei Lager gibt: Da stehen sich die Befürworter, die in ihm fast schon ein Wundermittel sehen, und die Skeptiker gegenüber, die kritisieren, dass es keine wirklich seriösen Studien gebe. Gleichwohl fordern auch in Deutschland einige Intensivmediziner, das Mittel zum Einsatz gegen Covid-19 freizugeben.
Die Erwartungen der Befürworter dürfte nun eine Ankündigung der Universität Oxford noch steigern: Sie testet in einer groß angelegten Studie die Wirksamkeit des Antiparasitikums als Medikament für Covid-19-Patienten. Wie die Uni am Mittwoch (23. Juni) mitteilte, führte Ivermectin in Laborstudien zu weniger Virusproduktion. Vor allem durch eine frühe Gabe des Mittels könne die Viruslast und die Dauer der Symptome verringern, wie eine kleine Pilotstudie zeige.
In Gesprächen mit Medizinern, Politikern und Forschern hat „reporterdesk.de“ die wichtigsten Argumente Für und Wider Ivermectin zusammengetragen. Weil derzeit neben der Oxford-Studie noch weitere laufen, kann diese Frage-Antwort-Geschichte nur den Ist-Stand der Forschung abbilden. Für Leserinnen und Leser, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, beantworten wir zunächst grundlegende Fragen.
Ivermectin wird seit mehreren Jahrzehnten in der Tiermedizin gegen Läusen, Milben, Zecken und Fadenwürmer eingesetzt. Die Entdecker des Wirkstoffs, der US-Amerikaner William C. Campbell und d erJapaner Satoshi Ōmura, bekamen im Jahr 2015 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen, der als „Medizinnobepreis“ gilt. Bereits im Jahr 1987 wurde Ivermectin als Medikament für Menschen zugelassen. Der Pharmakonzern MSD entschied sich damals dazu, den Wirkstoff in afrikanischen Ländern kostenlos zur Verfügung zu stellen, weil er eine hohe Wirksamkeit gegen die Flussblindheit aufwies. Eine Zulassung in der Humanmedizin gibt es in Deutschland nur für die Hauterkrankung Rosacea und für Krätze. Ivermectin wird als Tablette verabreicht und ist verhältnismäßig günstig (rund 2,30 Euro pro Tablette).
Die ersten Untersuchungen von Ivermectin als potenzielles Medikament gegen Covid-19 stammen aus Australien: Im April 2020 zeigte eine Studie der Universität Melbourne, dass der Wirkstoff zu einer Eliminierung des Virus führe. Allerdings handelte es sich um einen In-Vitro-Versuch, also ein Experiment in Petrischalen oder Reagenzgläsern und damit in künstlicher Umgebung. Die tatsächliche Wirkung, wenn ein Mensch den Wirkstoff einnimmt, kann deutlich abweichen. Auf die Studie aus Australien folgten daher diverse weitere Untersuchungen weltweit.
Das Universitätsklinikum Würzburg hat die vergangenen Monate diverse Studien zum Thema gesammelt, um eine sogenannte Meta-Analyse zu erstellen. Die Fachleute bewerten die Evidenz zu Ivermectin bei Covid-19 im Rahmen des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin. Ziel ist es, eine Leitlinie für die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) zu formulieren. Diese gibt Ärztinnen und Ärzten in Deutschland eine Handlungsempfehlung. Außerdem haben die Experten ein sogenanntes Cochrane-Review verfasst, eine systematische Übersichtsarbeit, die in der Forschung international als Qualitätsstandard schlechthin gilt.
Zwar gebe es insgesamt rund 50 Studien zum Thema, sagte die beteiligte Forscherin Stephanie Weibel „reporterdesk.de“. Doch seien sehr viele nicht einmal randomisiert, das heißt es gebe keine Kontrollgruppe, die zum Beispiel einen Placebo bekommt. „Aber auch von den mehr als 20 randomisierten Studien haben viele eine sehr geringe Aussagekraft“, sagte Weibel. Es würde in den Studien häufig Birnen und Äpfel zusammengeworfen. „Zum Beispiel wird die Wirkung von Ivermectin mit der von dem nutzlosen Hydroxychloroquin verglichen und so der Schluss gezogen, dass es eine Wirkung habe, auch wenn diese nur bei hohen Dosen und sehr gering auftritt“, sagte die Expertin. Für ihre Meta-Analyse untersuchten die Forscher schließlich ingesamt 14 randomisierte Studien zu Ivermectin. Bislang zeichne sich aber ab, dass die Wirkung gegen Covid-19 eher gering ist. Der Einsatz außerhalb von klinischen Studien sei aufgrund der aktuellen Datenlage nicht zu empfehlen.
Zu den glühendsten Verfechtern zählt die US-amerikanische Forschergruppe FLCCC (Front Line COVID-19 Critical Care Alliance). Die Intensivmediziner haben sich in den USA so lange für dein Einsatz von Ivermectin eingesetzt, bis die amerikanische Gesundheitsbehörde NIH (National Institute of Health) im Januar beschloss, dass der Einsatz im Ermessen jedes Arztes selbst liege. Die FLCC geht davon aus, dass schwere Covid-Verläufe durch die Medikation mit Ivermectin in einem frühen Stadium sehr häufig verhindert werden können. „Ivermectin als günstiges Medikament dürfte wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf die Corona-Pandemie haben“, heißt es in einer aktuellen Meta-Analyse auf ihrer Website. Die FLCC lehnte sich in der Vergangenheit allerdings mehrfach etwas weit aus dem Fenster, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. So empfahl die Forschergruppe schon Vitamin C in der Sepsis, deren Wirkung Studien später widerlegten. Im März entfernte das rennomierte „Journal Frontiers in Pharmacology“ zudem einen FLCC-Artikel über Ivermectin wieder, weil sich darin offenbar viele unbelegte Behauptungen über die positive Wirkung fanden. Außerdem hätten die Autoren ihre eigenen Therapie-Methoden darin propagiert.
In Deutschland gibt es einige Ärzte, die das Medikament auf eigene Veranwortung gegen Covid einsetzen. Dazu zählt zum Beispiel der Oberarzt der Anästhesiologie an der Klinik für Intensivmedizin des Barmherzigen Brüder Krankenhauses in München, Werner Appelt. „Wir haben uns dazu entschlossen Ivermectin anzuwenden, nachdem die NIH in den USA ihre Empfehlung bezüglich des Medikaments dahingehend geändert hat, dass man sich nun nicht mehr grundsätzlich gegen den Einsatz ausspricht“, sagte Appelt dem „Tagesspiegel“. Das Medikament sei kein „Wundermittel“, aber habe die Intubationsrate auf der Station deutlich reduziert.
Die WHO stellte im März fest, dass die Datenlage zu Ivermectin als Covid-Therapeutikum nicht schlüssig sei. Bis weitere Erkenntnisse vorliegen, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation daher nur den Einsatz in klinischen Studien. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) überprüfte ebenfalls im März Laborstudien und Meta-Analysen und schloss sich der Einschätzung der WHO an.
Eine Fachgruppe des Robert Koch-Insituts (RKI), die mögliche Covid-Therapeutika bewertet und beobachtet, spricht von einem „niedrigen Evidenzgrad wegen zahlreicher Limitationen der bisherigen Studien“. Sprich: Es fehlt an seriöser Forschung. Daher lautet bislang auch ihre Empfehlung, den Wirkstoff nur im Rahmen kontrollierter klinischer Studien einzusetzen.
Trotzdem kommt Ivermectin in einigen Ländern wie zum Beispiel Indien und Tschechien gegen Covid-19 zum Einsatz. Auch in Lateinamerika und Südafrika wurde es bereits von Ärzten und Ärztinnen auf eigene Initiative eingesetzt.
Befürworter von Ivermectin wie der Münchner Oberarzt Werner Appelt weisen darauf hin, dass sich mit dem Medikament kein Geld verdienen lässt. Das Patent ist abgelaufen, es kann als Generikum günstig produziert werden. Es gebe für große Pharma-Unternehmen keinen finanziellen Anreiz, größere Studien durchzuführen, sagte er dem „Tagesspiegel“. Staatliche Gelder würden vor allem in die Impf- und Grundlagenforschung fließen.
Zudem sei das Interesse auch von staatlicher Seite nicht besonders groß, Steuergelder in eine Studie für ein Medikament zu investieren, bei dem sich keine große Wirkung abzeichnet, sagte ein Professor einer großen deutschen Uni-Klinik „reporterdesk.de“.
Doch nun dürfte Bewegung in die Sache kommen. Die groß angelegte Studie der Universität Oxford wird von der britischen Regierung finanziert. Für die Studie können sich über 50-Jährige Briten anmelden, die mindestens seit 14 Tagen an Covid-Symptomen leiden. An dieser sogenannten „Principle“-Studie sind bereits mehr als 5000 Patienten als Textpersonen registriert. Das Oxford-Team sagte laut Mitteilung, sie hätten Ivermectin für die Studie ausgewählt, weil es „global leicht verfügbar“ sei und als relativ sicher bekannt gelte, also wenige Nebenwirkungen habe. Allzu hohe Erwartungen will der Leiter der Studie, Professor Richard Hobbs, allerdings gegenüber der „BBC“ nicht schüren: Obwohl es einige frühe „vielversprechende“ Ergebnisse aus kleinen Beobachtungsstudien gegeben habe, sei es „zu früh“, Ivermectin für die Covid-Behandlung zu empfehlen. Die Uni will laut Mitteilung nun solide Beweise dafür liefern, wie effektiv die Behandlung von Ivermectin gegen COVID-19 ist und ob mit der Verwendung Vorteile oder Schäden verbunden sind. LEON SCHERFIG
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