Wie eine junge Müllerin die Familientradition fortführt
Das Klackern der Maschinen begleitet Jasmin Brauch, seit sie denken kann. Inzwischen ist die 24-jährige Müllermeisterin als Juniorchefin in den Familienbetrieb eingestiegen – in einer Branche, die immer stärker von Großbetrieben dominiert wird.
Die alte Mühle in Hardheim. Foto: Astrid Möslinger
Freitagvormittag. Frisch gemahlenes Mehl rieselt durch ein Rohr in den Tank eines Silowagens. Ein paar Meter davon entfernt sitzt ein Mann vom Straßenbauamt in seinem Serviceauto und redet mit Jasmin Brauch. Die Juniorchefin im grauen Arbeitsanzug beugt sich zu ihm hinunter und hört geduldig zu. Zusammen mit ihrem Vater leitet sie den Betrieb mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, seit September ist auch ein Auszubildender dabei. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie hier im fränkischen Odenwald einmal allein Regie führen. „Noch nicht ganz zeitnah, aber irgendwann“, sagt sie später im Wohnzimmer. Selbst hier ist das Klackern der Maschinen zu hören. „Es ist so ein Unterton, der einen immer begleitet“, sagt sie. Jasmin Brauch kennt dieses Geräusch, seit sie denken kann – es ist der Soundtrack ihres Lebens. Die Stadt hat sie nie gereizt. „Nicht mein Fall. Ich finde es schön, irgendwo ein paar Tage zu sein, aber dann reicht es auch.“ Danach freut sie sich auf die Rückkehr nach Hardheim – in diese stille Landschaft und die Mühle, unter deren Dach drei Generationen wohnen. In einem Trakt lebt Jasmin mit ihrem Vater und gegenüber die Großmutter.
Die Gegend nennen manche hier Badisch-Sibirien. Sie ist rau und abgelegen, geprägt von geschwungenen Hügeln, Wiesen, Feldern, soweit man schauen kann. Hardheim liegt in einem der Wellentäler: Zuerst erscheint der Kirchturm, dann die ersten Häuser, eine Durchgangsstraße, auf der sich der Verkehr staut. Die Steinemühle liegt etwas abseits. Der Weg dorthin führt über eine Brücke, unter der die Erfta leise plätschert. Von hier an gilt ein anderer Rhythmus – der Takt der Mühle.
Müllermeisterin Jasmin Brauch. Foto: Astrid Möslinger
Zwölf Generationen Müllerhandwerk
Die 24-Jährige ist zwischen Annahmestelle, Mahlhaus und Silos aufgewachsen. Von klein auf hat sie jeden Handgriff beobachtet, später beim Mehlverpacken geholfen oder die Kunden im Laden bedient – ohne bewusst zu merken, wann sie anfing, richtig mit anzupacken. „Die Eltern arbeiten auf dem Hof und man ist überall mit dabei, sieht und lernt“, beschreibt sie ihre Kindheit. Vor vier Jahren stieg sie schließlich offiziell in den Familienbetrieb ein. Sie ist die zwölfte Generation. In der Chronik steht ein Satz, der bis heute passt: „Jasmin Brauch ist Müllerin von Beruf und aus Berufung.“ Die junge Frau, deren dunkelbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist, lächelt freundlich. Doch wenn sie von ihrer Arbeit spricht, wird ihr Blick ernst und konzentriert. Eine Perfektionistin: Müllerlehre in Aalen, Meisterbrief mit 21 und jetzt zusätzlich eine Online-Schulung zur Betriebswirtin im Handwerk. Trotz ihrer Nähe zur Mühle hat sie länger überlegt, ob sie ihrem Vater nachfolgen möchte. „Ich habe nach der Realschule erst das Fachabi gemacht und mich dann entschlossen“, sagt sie.
Die Tradition der Familie war sicher ein Faktor. „Es wäre schade, die Mühle aufzugeben“, findet sie. Den Handwerksbetrieb am Ufer der Erfta gab es schließlich bereits, als Mehl- und Getreidesäcke noch über der Schulter getragen wurden. Erstmals 1322 urkundlich erwähnt, kaufte ihn Johann Adam Müller vor 340 Jahren und begründete damit die Familiendynastie. Es war eine Zeit, als Mühlen eine Art Zwischenwelt außerhalb der Stadtmauern waren und viele Märchen inspirierten.
In der Steinemühle erinnert noch einiges an die lange Geschichte. Die Gebäude wirken wie ein Puzzle aus ganz unterschiedlichen Epochen: Moderne Silos ragen neben historischen Bauten auf. „Die Grundmauern sind teilweise schon sehr alt“, weiß die Müllermeisterin. Eine feste Größe über all die Jahrhunderte ist der Fluss als Energiequelle. Sein Wasser treibt noch immer die Turbine an. Zusammen mit der Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ist die Mühle sogar fast autark. „Aber nur, wenn nicht alle Maschinen laufen“, schränkt Brauch ein.
Frauen in einem traditionellen Handwerk
War der Müllerberuf im Mittelalter eine reine Männerdomäne, gelten Frauen in diesem Bereich inzwischen nicht mehr als Exotinnen. „Früher war es einfach körperlich nicht möglich, dass Frauen diesen Beruf ergriffen“, sagt die Hardheimer Müllerin. Die Technik hat das geändert. Hundert-Kilo-Säcke wie früher muss heute niemand mehr schleppen – auch die Männer nicht. Anstatt Muskelkraft zählen technisches Verständnis und handwerkliches Geschick, zum Beispiel beim Reparieren einer Maschine.
Jasmin Brauch liebt diesen Beruf. Acht Stunden am Schreibtisch sitzen? „Ausgeschlossen“, sagt sie und lacht. Als Müllerin ist sie von morgens bis abends auf Trab, die Treppen rauf und runter. „Man muss schon körperlich fit sein“, erklärt sie und zeigt bei einer kleinen Führung die Abläufe. Im ersten Stock des Mahlhauses brummen die Walzenstühle in voller Lautstärke. Brauch öffnet die Luke wie eine Schublade und nimmt eine Handvoll Getreide heraus – die erste Schrotung noch mit Schalen. Eine Etage höher trennt der Plansichter, eine Neuanschaffung von 2018, das Mahlgut in feines Mehl, Grieß und Kleie. Die Maschine schüttelt sich, als wäre sie eine Wackelfigur. Zehn Siebe liegen darin übereinander. Süßlicher Mehlgeruch hängt in der Luft.
Mühlen bieten nicht nur akustische Eindrücke, sie sind auch Orte der Farben und Düfte. In der Annahme, untergebracht in einem scheunenartigen Gebäude mit offenem Dachstuhl, riecht es nach herbem Korn. Davor kippen die Bauern ihr Getreide in die sogenannte Gosse, eine mit einem Gitter abgedeckte Rinne. Danach wird es nach oben gepumpt, gereinigt und im hauseigenen Labor auf Feuchtigkeit und Proteingehalt untersucht. In der Schaltzentrale sorgt Jasmin Brauch dafür, dass die Ware in die richtigen Silozellen gelangt. „In der Annahme ist der Staub braun, in der Mühle dagegen weiß“, erläutert sie. So unterschiedlich die Gerüche und Farben je nach Stockwerk und Gebäudeteil sind, so abwechslungsreich ist auch die Arbeit. „Jeder Tag ist anders“, sagt sie zufrieden.
Strukturwandel und Großbetriebe
Doch die Zeiten sind hart. Der Strukturwandel in der Branche dauert schon seit über 60 Jahren an. 1950 gab es 19.000 Mühlen in Deutschland, heute sind es nur noch rund 500. Davon sind ein Bruchteil, etwa 170, echte Handelsmühlen, das heißt, sie mahlen nicht nur für den Eigenbedarf Mehl, sondern verkaufen es auch. Und lediglich 50 Mühlen laufen traditionell mithilfe von Wasser und Wind. Auch an der Erfta sind viele verschwunden. Auf dem 14 Kilometer langen Mühlenweg, einer touristischen Wanderstrecke, die direkt an der Steinemühle vorbeiführt, sind allein die Gebäude, Mühlräder, -kanäle und -steine geblieben.
Überlebt haben vor allem die Großbetriebe, die 40.000 Tonnen Getreide und mehr in ihren Silos unterbringen und jeden Tag tausende Tonnen Mehl produzieren. Die Steinemühle wirkt im Vergleich überschaubar: 5.000 Tonnen Lagerkapazität, acht Tonnen Mehl pro Tag. Hier zählt, dass die Ware aus der Umgebung kommt und die Kunden die Müllerfamilie persönlich kennen. Landwirte aus einem Umkreis von 30 bis 40 Kilometern bringen ihr Korn nach der Ernte hierher und Bäckereien und Supermärkte in einem Radius von 60 Kilometern nehmen das Mehl ab. Ein Geschäftsmodell, das bis heute funktioniert „Wir könnten mehr liefern, als unsere Maschinen hergeben“, sagt Brauch.
Auch wenn die Steinemühle klein ist, ist sie kein nostalgisches Museum. Der alte Mahlstein hängt nur noch als Dekoration an der Außenwand. Die beiden Walzenstühle aus Metall haben ihn vor langer Zeit ersetzt. Sie sind ebenfalls schon fast 70 Jahre alt. „Wenn ich das die nächsten 60 Jahre machen will, muss ich irgendwann etwas tun.“ Die junge Müllerin weiß, dass Investitionen anstehen, die ihr einiges abverlangen werden. Ihr nächstes Projekt ist ein neuer Mühlenladen. Heute nur wenige Quadratmeter groß, soll er in Zukunft 65 Quadratmeter umfassen. Vielleicht ist es genau das, was diese Mühle so besonders macht: Ein Ort, der in der Vergangenheit verwurzelt ist und trotzdem lebendig ist und sich immer wieder verändert.
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