Zufrieden, allein auf Lanzarote. US-Psychiater Rami Kaminski spricht von Otroversion. Foto: Adobe Stock / GVS
Es war ein Fall, der dem New Yorker Psychiater Rami Kaminski in Erinnerung blieb: In einer Tagesklinik saß ein 18-Jähriger vor ihm, dem eine Schizophrenie diagnostiziert worden war. Mehrere Jahre hatte der junge Mann bereits in psychiatrischen Kliniken verbracht. Zuvor hatte ein Schulpsychologe Autismus vermutet – ein Verdacht, der die Eltern verunsicherte und sie professionelle Hilfe suchen ließ. Kaminski aber stutzte. Nach seiner Darstellung wirkte der Patient im Gespräch nicht autistisch, sondern spontan, aufgeweckt, freundlich, mit Interesse für Science-Fiction. Was also war mit diesem jungen Mann los?
Auf Nachfrage berichteten die Eltern, ihr Sohn habe sich zunehmend isoliert. Am liebsten bastelte er Modellflugzeuge oder baute in seinem Zimmer Radios auseinander. Kaminski kam zu dem Schluss, dass der Jugendliche offenbar vor allem eines brauchte: Rückzug, Alleinsein, Pausen von Gleichaltrigen – nicht zwingend eine Diagnose. Kaminski ließ nach eigener Darstellung die Medikamente absetzen, der junge Mann wurde entlassen, begann eine Ausbildung und leitete später ein Zentrum für Menschen mit geistiger Behinderung.
Der New Yorker Psychiater hat diesen Patienten nie vergessen. Im Gegenteil: In seiner therapeutischen Arbeit konzentrierte er sich fortan auf stille Persönlichkeiten und schrieb das Buch „The Gift of Non-Belonging“, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“ (Kailash). Darin beschreibt Kaminski Menschen, die empathisch und freundlich sind, sich jedoch nirgendwo richtig zugehörig fühlen und sich nicht selbstverständlich mit Gruppen oder Gemeinschaften identifizieren. „Otherness“ – Andersartigkeit –, schreibt Kaminski, sei keine Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Die fehlende Zugehörigkeit werde von den Betroffenen sogar als angenehm empfunden.
Otroversion: Persönlichkeitsdimension oder Deutungsangebot?
Um dieses Lebensgefühl von bloßer Introversion abzugrenzen, führt Kaminski den Begriff der „Otrovertierten“ ein. Die Persönlichkeitspsychologie unterscheidet im Big-Five-Modell klassisch zwischen Intro- und Extraversion; Kaminski schlägt daneben eine dritte Figur vor. Das Kunstwort leitet sich aus dem Spanischen „otro“ für „anders“ und der Silbe „-vert“ für Richtung ab. Gemeint sind Menschen, die sozial zugewandt sein können, sich aber nicht selbstverständlich mit Gruppen oder Gemeinschaften identifizieren. Von Natur aus Solisten, ganz ohne Herdentrieb.
Ob es sich dabei tatsächlich um eine eigene Persönlichkeitsdimension handelt, ist allerdings offen. Eva Asselmann, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der HMU Health and Medical University Potsdam und Autorin („Too much. Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden“, dtv), ordnet den Begriff vorsichtig ein: „Wissenschaftlich betrachtet ist Otroversion bislang kein validiertes Persönlichkeitskonstrukt.“ Psychologisch erinnere vieles an Introversion, vor allem die Präferenz für Tiefe statt Gruppendynamik, anderes an ein hohes Autonomiebedürfnis, Hochsensibilität oder bestimmte Bindungsmuster. Im Big-Five-Modell lasse sich Otroversion am ehesten als Kombination aus niedriger Extraversion und ausgeprägter Offenheit beschreiben.
Gerade deshalb sei der Begriff nicht uninteressant. Er beschreibe, sagt Asselmann, „ein Gegenwartsgefühl“, das viele Menschen kennen: sozial integriert zu sein und sich innerlich dennoch nicht zugehörig zu fühlen. Genau darin liege vermutlich die Resonanz. Otroversion wäre demnach weniger eine neue Persönlichkeitsdimension als ein Deutungsangebot: ein Name für eine bestimmte Art, sich zur sozialen Welt zu verhalten.
Bei Kaminski wird daraus auch eine Kritik an einer Gesellschaft, die Zugehörigkeit oft mit Anpassung verwechselt. Problematisch werde es, wenn Menschen sich selbstverständlich Lieblingsvereinen, Parteien, Cliquen, Teamsitzungen oder Fanbases zuordnen sollen, obwohl ihnen solche Formen von Gemeinschaft fremd bleiben. Wer sich dem Gruppendruck entzieht, wer sich auf Demonstrationen, Events oder Partys unwohl fühlt, gilt schnell als Außenseiter. Kaminski sieht diese Individualisten dagegen als wache Beobachter und unkonventionelle Denker.
Wie groß das Bedürfnis nach einer solchen Gegenerzählung ist, zeigt der Erfolg des Buches: In Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Südkorea wurde es zum Bestseller. In Leserrezensionen schreiben viele, sie fühlten sich endlich erkannt – und verstünden nun, warum sie sich jahrzehntelang „falsch“ gefühlt hätten.
Otroversion bietet Gegenerzählung
Auch die Bestsellerautorin Susanne Kaloff erkannte sich in Kaminskis Beschreibungen sofort wieder. In der „Brigitte“ schrieb sie: „Ich habe, bis auf eine einzige Ausnahme, immer nur zu mir gehört.“ Kaminski habe damit ein Lebensgefühl benannt, das sie seit Langem kenne: das Gefühl des Andersseins. Es sei in unseren Hirnen verdrahtet, schreibt Kaloff, dass es in einem „Tribe“ besser sei als allein. Für sie selbst habe das nie gegolten: „Noch nie hatte ich Bock auf Tribe.“ Sie habe nie eine Clique gehabt, bis heute nicht. An Gruppen habe sie kein Interesse – „und immer auch ein bisschen Angst vor ihnen“.
Leben wir in einer Epoche des Belonging-Imperativs? Dass die Idee gerade jetzt so stark resoniert, erklärt Asselmann mit einer Kultur permanenter Vernetzung, in der soziale Präsenz zunehmend mit Gesundheit, Erfolg und Kompetenz gleichgesetzt werde. Digitale Netzwerke machten Zugehörigkeit öffentlich messbar: über Likes, Follower, Communitys, Reaktionen. Dadurch könne der Eindruck entstehen, soziale Einbindung sei nicht nur ein menschliches Bedürfnis, sondern eine Pflicht.
Wer sich davon innerlich distanziere, bekomme schnell das Gefühl, mit ihm stimme etwas nicht. Zugleich erlebten viele Menschen mehr Einsamkeit und Entfremdung, denn „Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch Verbundenheit“. Otroversion biete dazu eine Gegenerzählung: „Das Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Nicht-Zugehörigkeit ist kein Defizit.“
Rami Kaminski steht mit seiner Theorie – noch – recht allein da. Sie beruht vor allem auf eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und der Behandlung seiner Patienten. Asselmann sieht in solchen Begriffen eine ambivalente Kraft: Sie können entlasten, weil Menschen ihre Erfahrungen besser einordnen und weniger als persönliches Defizit erleben. Zugleich warnt sie davor, jede innere Spannung sofort zur festen Identität zu erklären. Die Gegenwart produziere viele Labels; das könne helfen, aber auch dazu führen, „dass normale Ambivalenzen vorschnell als unveränderliche Persönlichkeitseigenschaften interpretiert werden“.
Virginia Woolf als berühmtes Beispiel
Aus seiner These leitet Kaminski auch berufliche Konsequenzen ab. Otrovertierte, schreibt er, ermüdeten besonders dort, wo ständige Gruppenabstimmung, Statusspiele oder bloße Präsenzpflichten den Alltag bestimmen. Sinnlose Meetings, Bürokratie und Machtgier seien ihnen zuwider. Entscheidend sei deshalb weniger ein bestimmter Beruf als ein Umfeld, das genug Autonomie lässt und zur eigenen inneren Welt passt.
Denn Kaminski zufolge trennen Otrovertierte ihr Leben nicht sauber in Arbeit, Freizeit und Familie. Ihre innere Welt sei „das Epizentrum“ ihres Lebens; ein Arbeitsumfeld, das damit unvereinbar sei, könne sie dauerhaft blockieren. Auch weil sie das Vergehen der Zeit besonders intensiv wahrnehmen, wollten sie persönliche Erfüllung nicht auf später verschieben: „Keine Phase des Tages, des Jahres oder des Lebens ist überflüssig. Jede Minute seines Lebens ist wichtig, und persönliche Erfüllung und Befriedigung lassen sich nicht auf die lange Bank schieben“, führt Kaminski aus.
Passender seien daher Tätigkeiten, in denen Eigenständigkeit, Konzentration und ein unkonventioneller Blick gefragt sind – etwa in der Selbstständigkeit, in beratenden, kreativen oder künstlerischen Berufen. Als berühmtes Vorbild nennt Kaminski Virginia Woolf, die in ihrem Essay „Ein Zimmer für sich allein“ schrieb: „Schließt eure Bibliotheken ab, wenn ihr wollt, aber es gibt kein Tor, kein Schloss, keinen Riegel, mit dem ihr die Freiheit des Denkens versklaven könnt.“
Was, wenn das viel beschworene Zugehörigkeitsideal weniger Ausdruck von Gemeinschaft ist als eine gesellschaftlich verordnete Pflichtübung? Und was, wenn die Weigerung, sich einzuordnen, nicht Abweichung bedeutet, sondern geistige Souveränität? Eva Asselmann: „Wer anders funktioniert, empfindet sich schnell als abweichend. Dabei ist diese Vielfalt psychologisch völlig normal und aus gesellschaftlicher Perspektive sogar wertvoll.“
Hat sich heute ein Ideal verschoben – weg vom autonomen Individuum hin zum sichtbaren, vernetzten, permanent anschlussfähigen Menschen? Eva Asselmann sieht genau diese Bewegung: Lange habe das autonome Individuum als gesellschaftliches Leitbild gegolten. Heute dominiere vielerorts ein Ideal permanenter Anschlussfähigkeit: präsent sein, sichtbar bleiben, reagieren, Netzwerke pflegen.
„Was früher als Stärke galt – also Unabhängigkeit, Selbstgenügsamkeit, das Recht auf Stille –, wird heute leicht als Defizit interpretiert. Das hat reale Folgen. In meiner Forschung zu Selbstwirksamkeit und psychischer Gesundheit sehe ich, wie stark gesellschaftliche Normen das eigene Erleben prägen. Wer dauerhaft das Gefühl hat, dem impliziten Standard sozialer Vernetzung nicht zu entsprechen, trägt oft eine unnötige Last“, präzisiert die Professorin.
Kaminski wehrt sich gegen Etikettierung
Wie früh dieser Druck zur Zugehörigkeit beginnt, beschreibt Kaminski an alltäglichen Szenen. Schon Kleinkinder würden in Kitas in Gruppen eingeteilt, um Zugehörigkeit zu erzeugen. In der Schule werde erwünschtes Verhalten gefördert, und auch im Familienalltag zeige sich, wie selbstverständlich Konformität erwartet werde. Eltern scheinen diese Logik oft unbewusst weiterzugeben, wenn sie etwa auf dem Spielplatz ihr Kind auffordern, doch nun zum Klettergerüst zu wechseln, weil dort die anderen Kinder spielen – obwohl das Kind gerade zufrieden und ganz bei sich im Sandkasten baut. Nach wie vor soll man sich ordentlich in Schlangen einreihen, Freunde sammeln, Geburtstage feiern, Einladungen annehmen.
Wer solche Rituale der Zugehörigkeit grundsätzlich nicht mag, dem könne die Idee der Otroversion helfen, glaubt die Professorin. Begriffe könnten entlasten, wenn sie Menschen helfen, ihre Erfahrungen einzuordnen und weniger als persönliches Defizit zu erleben. „In meiner Forschung zu Selbstwirksamkeit zeigt sich das immer wieder: Wer sich selbst versteht und akzeptiert, handelt oft wirksamer, weil die innere Reibung nachlässt. Der Kerngedanke bei Kaminski stimmt: Nicht jeder Mensch erlebt Zugehörigkeit auf die gleiche Weise, und nicht jede Distanz bedeutet automatisch Einsamkeit.“
In Kaminskis Deutung ist die westliche Gesellschaft so stark auf Gemeinschaft ausgerichtet, dass schon kleine Abweichungen von dieser Norm negativ auffallen – selbst wenn jemand schlicht nur Ruhe sucht. „Der Anpassungsdruck, der auf otrovertierte Menschen ausgeübt wird, ist für beide Seiten oft anstrengend und frustrierend. Nur eines ist er niemals: effektiv. Tatsächlich fragen sich viele meiner Patienten seit ihrer Kindheit, warum sie sich nicht mit dem Druck abfinden können, sich den erwarteten Normen anzupassen, den die Familien und die Gesellschaft auf sie ausüben“, schreibt Kaminski.
Auch deshalb wehrt er sich dagegen, Otroversion als neues Etikett zu verstehen. Auf Instagram schreibt er: „Otroversion ist kein Etikett. Tatsächlich ist Etikettierung das Gegenteil von dem, wofür Otroversion steht.“ Der Reichtum des Lebens liege oft im Dazwischen, in dem, was sich Definitionen entziehe. Es gehe nicht darum, einem neuen Stamm beizutreten oder eine Marke anzunehmen, sondern um „die stille Stärke derer, die außerhalb der erwarteten Zugehörigkeit gedeihen“ – und um die Erinnerung daran, dass Individualität eine Quelle von Klarheit, Widerstandskraft und Freiheit sein könne.
Zugehörigkeit bleibt in dieser Deutung eine Option – keine Pflicht. Die Freiheit des Denkens gehört jenen, die sich trauen, einen Schritt neben der Gruppe zu laufen, statt ihr blind zu folgen. Vielleicht liegt die eigentliche Provokation der Theorie darin, dass sie an etwas Selbstverständliches erinnert: Man muss nicht dazugehören, um Teil des Weltgeschehens zu sein.