Skip to main content

Recherchen. Hintergründe. Perspektiven.

ERZIEHUNG

Drei neue Bücher zeigen, wie sich die Vaterschaft wandelt

Viele Männer wollen heute präsente Väter sein und Partnerschaft auf Augenhöhe leben. Doch zwischen Selbstbild und Familienalltag klafft oft noch eine große Lücke. Was braucht es, damit aus guten Vorsätzen wirklich neue Vaterschaft wird?

27.05.2026 13:27
Mehrere neue Bücher thematisieren die sich wandelnde Rolle des Vaters. Foto: Adobe Stock / EvaHM
Mehrere neue Bücher thematisieren die sich wandelnde Rolle des Vaters. Foto: Adobe Stock / EvaHM

Sie nehmen Elternzeit, posten Kinderwagenbilder und kennen die Begriffe „Mental Load“ und „Equal Care“. Dennoch bleibt es im Alltag oft an der Mutter hängen, Wechselwäsche, Brotdosen, Arzttermine und Kindergeburtstage im Blick zu behalten. Moderne Väter verstehen offenbar viel – und bleiben doch erstaunlich oft im alten Muster stecken.

Vielleicht beginnt die Selbsttäuschung genau dort: Viele moderne Väter vergleichen sich mit den Vätern von früher – nicht mit den Müttern von heute. Wer mehr übernimmt als der eigene Vater, fühlt sich schnell fortschrittlich. Doch Gleichberechtigung beginnt erst dort, wo Verantwortung tatsächlich geteilt wird.

Schaut man auf die Zahlen, zeigt sich derselbe Widerspruch: Jeder zweite Vater möchte die Familienarbeit partnerschaftlich aufteilen, aber nur jeder Fünfte setzt diesen Wunsch wirklich um, heißt es im Väterreport 2023. Zugleich hat sich die Erwerbsrealität von Müttern stark verändert: Vor 30 Jahren waren 60 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren erwerbstätig, heute sind es über 80 Prozent. Die Erwerbsquote der Väter bleibt dagegen unverändert bei 96 Prozent, so eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2025.

Trotzdem leisten Frauen laut Statistischem Bundesamt noch immer 43,4 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit. Der Gender-Care-Gap bleibt also deutlich. Die Rollenbilder im Kopf mögen sich verschieben, doch die gelebten Muster lösen sich dadurch nicht auf. Drei aktuelle Bücher zeigen, wie sich Vaterschaft neu denken ließe – und welche inneren Widerstände, Sehnsüchte und Selbsttäuschungen damit verbunden sind.


Der reflektierende Vater

Der Wissenschaftsjournalist Tillmann Prüfer, Vater von vier Töchtern und Kolumnist der Wochenzeitung „Die Zeit“, fragt in seinem Buch „Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen. Das Wichtigste für alle Eltern aus den entscheidenden Studien“ nicht nur, was Kinder brauchen, sondern auch: Was macht mich zu einem guten Vater?

Prüfer erzählt, wie er bei der Geburt seiner vierten Tochter wirklich alles richtig machen wollte. Er nahm Elternzeit, verkürzte seine Arbeitszeit, hielt Online-Meetings auf dem Fahrrad ab – auf dem Weg zum Kindergarten seiner jüngsten Tochter. Er war überzeugt davon, seinen männlichen Erziehungsanteil besser zu leisten als frühere Generationen.

Er schreibt: „Ich bin länger Vater, als ich irgendetwas anderes im Leben war (…) Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich also damit verbracht, ein Elternteil zu sein. Aber immer wenn ich dachte, ich hätte nun irgendeine Routine im Vatersein, ich wüsste jetzt, wie es geht, kam ich wieder in eine Situation, die mich komplett verwirrte, so als würde ich alles das erste Mal machen. So war es auch, als ich einmal versuchte, endlich der perfekte Vater für mein Kind zu sein.“

Seine jüngste Tochter Juli wollte partout nicht von ihm aus der Kita abgeholt werden. „Ich sah mich als einen Vater, der es richtig macht – empathisch, präsent, mit Sechstagebart und Kind auf dem Arm. Ich fand mich richtig gut. Es wäre nur schön gewesen, meine jüngste Tochter hätte das auch so gesehen. Die aber fand mich doof.“

In dieser kleinen Kränkung liegt mehr Wahrheit über moderne Vaterschaft, als es zunächst scheint. Prüfer hatte alles getan, was heute als vorbildlich gilt: Er war da, organisierte, reflektierte, meinte es ernst. Und doch entzieht sich Juli seinem Bild vom gelungenen Vater. Der Vater, der sich gerade als fortschrittlich erlebt, muss aushalten, dass guter Wille nicht automatisch Nähe erzeugt.

Prüfers Fazit: Engagement allein reicht nicht. Wer Gleichberechtigung ernst meint, muss eigene Muster durchbrechen. „Ich möchte Väter (und überhaupt Männer) ermutigen, ihre eigenen Vorstellungen und Rollenbilder zu hinterfragen – so wie es Frauen schon lange tun. Erst dann, meine ich, kann es wirklich ‚neue Väter‘ geben, die ihr Vatersein anders leben können, als die meisten das tun.

Zwar nehmen mehr Väter Elternzeit und bemühen sich nach eigener Auskunft, mehr Care-Arbeit zu leisten. An den grundsätzlichen Rollenaufteilungen in den Familien hat sich aber kaum etwas geändert. Nach wie vor identifizieren sich Männer mit der Rolle des Ernährers – und vernachlässigen, dass Kinder von einem Vater viel mehr brauchen als materielle Sicherheit“, so schreibt Tillmann Prüfer.

Der reflektierende Vater ist also noch nicht automatisch der gleichberechtigte Vater. Auch Anwesenheit schützt nicht davor, sich selbst für die Ausnahme zu halten.

Der moderne Vater im Selbstversuch

Noch direkter beschreibt der Influencer Sebastian Tigges diese Kluft zwischen Selbstbild und Wirklichkeit. Tigges, bekannt durch den Podcast „Family Feelings“ mit seiner Ex-Partnerin Marie Nasemann und seinen Instagram-Kanal „The Walking Dad“, gilt in der digitalen Wahrnehmung als Vorbild moderner Vaterschaft.
In seinem Buch „Becoming Dad. Was ich gern früher übers Vatersein gewusst hätte“ beschreibt er, wie leicht Männer sich heute für fortschrittlich halten – und wie tief alte Muster trotzdem wirken.

„Demnach täuscht die Selbstwahrnehmung vieler Väter, wenn sie der Ansicht sind, dass sie in gleichem Maße Care-Arbeit leisten wie ihre Partnerin. Eigen- und Fremdwahrnehmung rührt daher, dass viele Väter im Wesentlichen noch gar nicht begriffen haben, was sie alles machen müssten, um wirklich annähernd die Hälfte dessen zu übernehmen, was das Großziehen eines oder mehrerer Kinder mit sich bringt.

Das klingt nach einer steilen These, nach einer wagemutigen Behauptung und vielleicht sogar etwas überheblich. Doch ich spreche aus eigener Erfahrung. Als Vater hat man es heute recht leicht, sich so zu fühlen, als wäre man wahnsinnig progressiv. Mal die Waschmaschine befüllen, dabei das Abendessen zubereiten und im Anschluss noch die Einschlafbegleitung übernehmen (…) Ich war schon auch ein wenig stolz, kurz vor der Geburt meines ersten Kindes verkünden zu dürfen, ein Jahr Elternzeit zu nehmen.“

Das ist vielleicht der wundeste Punkt in der Debatte um neue Väter: Schon einzelne Handgriffe können sich für Männer wie ein Rollenbruch anfühlen, weil sie über Generationen hinweg nicht selbstverständlich waren. Für Mütter sind dieselben Handgriffe meist nur ein winziger Ausschnitt eines viel größeren mentalen Systems. Wer wäscht, denkt nicht automatisch an neue Gummistiefel. Wer ein Kind ins Bett bringt, hat nicht zwingend den Kinderarzttermin, das Kita-Geschenk, den Elternabend und die nächste Brotdose im Kopf.

Tigges blickt auf seine eigene Vaterschaft voller Stolz, Unsicherheit und Selbsttäuschung. Und er erkennt: Die wahren Hürden liegen nicht nur in der Organisation, sondern im Denken. Moderne Väter überschätzen sich nicht unbedingt aus Bosheit. Sie überschätzen sich, weil das alte Maß so niedrig war. Genau darin liegt die Bequemlichkeit des Fortschritts: Er fühlt sich größer an, als er im Alltag oft ist.

Tigges fordert Männer auf, sich früh und ehrlich zu fragen, ob und wie sie Vater werden wollen. Wer unvorbereitet hineinstürzt, wiederholt unweigerlich das alte Drehbuch des abwesenden Ernährers – nur vielleicht mit besserer Sprache, mehr Elternzeit und schöneren Instagram-Bildern.

Ein Kind des abwesenden Vaters

Wie tief dieses alte Drehbuch wirken kann, zeigt der Autor und Aktivist Felix Nieder von der anderen Seite. Er erzählt, was passiert, wenn Väter gar nicht präsent sind – körperlich oder emotional. In seinem Buch „Trauma: Vater. Warum Kindheitswunden Beziehungen erschweren und wie du alte Muster durchbrichst“ setzt er sich empathisch mit kindlichen Traumata auseinander, ebenso wie mit der „Vaterleere“.

„Ich bin manchmal nachts aufgewacht. Und ich war noch ein wirklich kleines Kind und habe gleich Schreie gehört“, erzählt er. „Das ist wirklich oft eskaliert und das hat sich natürlich sehr in meinen Körper eingeprägt.“ Dadurch habe sich eine Verlustangst entwickelt, die er immer mit sich getragen habe. Fehlende väterliche Präsenz hinterlässt Lücken – in Rollenbildern, Partnerschaften und im inneren Gleichgewicht. Nieder macht sichtbar, was abwesende Väter in Kindern zurücklassen können: nicht nur Enttäuschung, sondern eine Art inneres Suchbild. Die Sehnsucht nach einem Vater, der hält, sieht, schützt, bleibt.

Als genderfluides Model wurde der studierte Jurist 2016 über Social Media entdeckt. Seine Bekanntheit nutzt er, indem er sich öffentlich für Gleichberechtigung, Diversität und psychische Gesundheit engagiert. Er sprach vor den Vereinten Nationen in Los Angeles ebenso wie im Deutschen Bundestag oder im Kieler Landtag.

Besonders die psychische Gesundheit von Kindern liegt ihm am Herzen: „Ich würde mir wünschen, dass wir einfach heute einen Fortschritt hinbekommen, dass wir mehr auf die Psychologie der Kinder eingehen, dass wir wirklich einschreiten, dass wir Psychologinnen in den Schulen haben, dass wir Angebote schaffen“, so Nieder. Eine Anlaufstelle in der Schule und ein Therapieangebot hätte er sich in seiner Situation früher gewünscht. Zu seinem Vater hat er heute keinen Kontakt mehr.


Nieders Perspektive verschiebt den Blick: Moderne Vaterschaft ist keine Imagefrage. Sie entscheidet darüber, welches Bild von Nähe, Schutz und Zuständigkeit Kinder später in Beziehungen mitnehmen.


Das alte Männerbild trägt noch immer

Schon Friedrich Schiller schrieb 1799 im „Lied von der Glocke“:
„Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben Muß wirken und streben … Und pflanzen und schaffen Erlisten, erraffen Muß wetten und wagen Das Glück zu erjagen.“

So beschrieb der Dichter eine jahrtausendealte Vorstellung von Männlichkeit, die Pflicht, Kampf und Verzicht zum Maßstab erhob. Der Mann muss hinaus, muss wirken, muss streben, muss wagen. Eine gewisse Erschöpfung schimmert durch dieses stete „Müssen“ hindurch.

Man könnte meinen, dieses Bild sei längst historisch. Doch vielleicht hat es nur die Kleidung gewechselt. Der moderne Vater muss heute nicht mehr nur Ernährer sein, sondern auch emotional verfügbar, partnerschaftlich, reflektiert, flexibel, präsent. Nur hat sich die alte Rolle nicht einfach aufgelöst. Sie liegt oft noch darunter. Als Anspruch, weiterhin beruflich voll verfügbar zu sein. Als Angst, weniger männlich zu wirken, wenn man zu Hause mehr übernimmt. Als heimliche Erwartung, für Care-Arbeit gelobt zu werden, die Mütter seit Jahrzehnten selbstverständlich leisten.

Der Trendforscher Tristan Horx erkennt im Bruch mit diesem Erbe eine Chance. Er weist darauf hin, dass Männer in vielen Lebensbereichen schlechter abschneiden würden als Frauen: „Gesundheit, Kriminalität – 90 Prozent der Gefängnisinsassen sind Männer. Das ist kein Zufall, sondern auch ein Produkt der alten Männlichkeitsbilder.“

Da sich Arbeit durch Automatisierung und KI verändere, würden heute andere Fähigkeiten relevanter: zuhören, verhandeln, kooperieren. Der Rollenwandel zwischen den Erwartungen an Fürsorge und Präsenz einerseits und den Folgen klassischer Männlichkeitsbilder andererseits scheint gerade Fahrt aufzunehmen: „In Führungspositionen ist es noch anders, aber das wird sich mit der Zeit verschieben, weil jetzt einfach mehr Frauen höhere Abschlüsse machen. Hinzu kommen die Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt durch immer mehr Automatisierung und nun auch durch KI. Muskelkraft hat einfach ausgedient“, so die Einschätzung von Horx.


Sollten Männer also mehr weibliche Eigenschaften in sich entdecken? Vielleicht müssten sie zunächst anerkennen, was Mütter neben ihren Jobs zu Hause alles so „nebenbei“ erledigen – und was selbst bei gleichheitsinteressierten Vätern noch immer unter der Wahrnehmungsschwelle abläuft.

Die Zukunft der Väter

Der Wandel scheint zart aufzublühen, doch verlangt er mehr als guten Willen. Neue Väter brauchen Strukturen, die sie tragen: flexible Arbeitszeiten, gesellschaftliche Anerkennung, Arbeitgeber, die Teilzeit nicht als Lifestyle oder Karrierekiller sehen. Vor allem aber müssen Väter sich selbst ernst nehmen – nicht als Helfer der Mutter, sondern als gleichwertige Bezugsperson.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber noch immer nicht.

Denn der Vater, der „hilft“, bleibt im alten System. Er entlastet, springt ein, übernimmt einzelne Aufgaben. Der Vater, der Verantwortung trägt, denkt mit. Er weiß, wann die nächste U-Untersuchung ist, welche Hose nicht mehr passt, welches Kind gerade leidet, welches Geschenk für den Kindergeburtstag fehlt und wann die Kita geschlossen ist. Er braucht dafür keine Anleitung, keinen Dank, keinen Applaus.

Daher kann es nur positiv gesehen werden, wenn sich immer mehr dieser neuen Väter aktiv zu Wort melden. Wenn sie nicht nur Mütter erreichen, sondern auch Männer, die sich voller Lust in das möglicherweise beste Abenteuer ihres Lebens werfen: einem Kind das Laufen beizubringen, es milde an der Hand zu führen und sich an die eigene kindlich-universelle Sehnsucht nach dem Wunsch-Vater zu erinnern.

„Wir sind nicht mehr in derselben Falle gefangen“, schreibt Tigges. „Aber manchmal steigen wir freiwillig wieder hinein – aus Angst, aus Gewohnheit, aus einem Rollenbild heraus, das zwar hier und da bröckelt, aber nicht von allein verschwindet. Es braucht bewusste Entscheidungen.“

Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis der Anfang einer neuen Selbstverständlichkeit: einer Vaterschaft, die nicht nur gewollt, sondern tatsächlich gelebt wird.

© 2026 Reporterdesk