Gefangenschaft in Russland: „Vier Männer zwangen mich ins Auto“
Russland hält illegal Tausende ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten gefangen. Drei Überlebende der Gefangenschaft berichten von systematischer Folter und Willkür.
Eine russische Hochsicherheitsanstalt (Archiv) Foto: Adobe Stock / Andrys Lukowski
Mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn sitzen Tausende Menschen aus der Ukraine in russischen Gefängnissen, obwohl sie nicht dem Militär angehören und deswegen nicht als Kriegsgefangene gelten. Die meisten von ihnen wurden auf von Russland besetzten Gebieten verschleppt. Nur etwa zweitausend von ihnen konnte die Regierung in Kyjiw identifizieren. Nur etwas mehr als 400 von ihnen sind bislang freigekommen.
Internationale Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Folter und Misshandlungen der ukrainischen Gefangenen als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir haben mit drei Überlebenden der russischen Gefangenschaft gesprochen und ihre Berichte protokolliert.
Wolodymyr Mykolajenko (65), Rentner, bis 2020 Bürgermeister der Stadt Cherson im Süden der Ukraine
Im März 2022, kurz nach Beginn der russischen Besatzung in Cherson, rief mich der neue Statthalter der Russen, Kirill Stremoussow, an. Er sagte mir, dass die Russen gekommen seien, um zu bleiben, und dass ich zwei Möglichkeiten hätte: Kollaboration – oder ich komme „ins Loch“. Für den Fall, dass ich kooperiere, versprach er Geld und Sicherheit.
Es war den Russen wichtig, dass ortsansässige Personen des öffentlichen Lebens mit ihnen zusammenarbeiten. Das sollte der russischen Besatzung einen Anschein von Legitimität verschaffen und so den Widerstandsgeist der Menschen in den besetzten Gebieten brechen. Die Russen dachten, dass, wenn die lokale Führung mitmacht, der Rest schon folgte. Ich sagte aber, dass ich lieber „ins Loch“ gehen würde.
Am 18. April 2022 wurde ich unter einem Vorwand zu einem Treffen gelockt, wo schon Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB auf mich warteten. Ich wurde im Keller des ehemaligen regionalen Hauptquartiers der Polizei eingesperrt.
Sie haben zuerst weiter versucht, mich auf ihre Seite zu locken: Ich bekam eine Blankoliste mit Regierungsposten vorgelegt und durfte mir einen aussuchen. Gleichzeitig drohten sie meiner Familie. Nachdem ich mich weigerte, begannen die Schläge. Während der Gefangenschaft brach man mir insgesamt dreimal die Rippen, das erste Mal in Cherson. Dort sagte man mir auch, dass ich nie wieder freikommen würde.
Ich blieb bis zum 2. Mai 2022 in Cherson und wurde danach über die Krim nach Russland, nach Borissoglebsk bei Woronesch, gebracht. Dort waren in einem Gefängnis bereits etwa 200 ukrainische Zivilisten und Soldaten inhaftiert.
Von morgens bis abends wurden wir aus dem Radio mit russischer Propaganda beschallt. Bei Verhören erzählte man uns, die Ukraine wolle uns angeblich nicht austauschen. Einige durften Angehörige anrufen, mit vorbereiteten Texten. Wir hatten Sekunden, um zu sagen, dass wir leben, danach musste man sich wortgenau an den Text halten. Das sollte wohl die ukrainische Regierung unter Druck setzen.
Täglich wurden wir misshandelt. Beim Appell liefen wir durch ein Spalier schlagender Wachen. Dasselbe beim Waschgang, beim Hofgang, bei Durchsuchungen. Meine Beine waren so geschwollen von Blutergüssen, dass ich nicht mehr in meine Robe passte. Die Wachen folterten mit Brettern, Gummiknüppeln, Kabeln, Elektroschockern, hetzten Hunde auf uns. Sie waren echte Sadisten, die ihre Arbeit genossen haben. Menschen wurden dort so lange geschlagen, bis sie sich einnässten. Ein Wächter mochte es besonders, mit einem Holzhammer auf meinen Kopf zu schlagen. Manche Gefangene versuchten, sich umzubringen, andere verloren den Verstand.
Ich verbrachte mehr als drei Jahre in russischer Haft, bevor ich im August 2025 ausgetauscht wurde. Seitdem lebe ich wieder in meiner Heimatstadt Cherson. Sie wurde inzwischen befreit, doch russische Raketen und Drohnen schlagen weiterhin täglich in der Stadt ein.
Lenije Umerowa (27), Marketingspezialistin in der Modebranche
Ich bin Krimtatarin und musste meine Heimat wegen der russischen Besatzung bereits 2014 verlassen. Ich war damals erst 16 Jahre alt. Meine Eltern blieben damals auf der Krim, und ich lebte seitdem in Kyjiw. Aber als mein Vater schwer erkrankte, habe ich im Dezember 2022 beschlossen, zu ihm auf die besetzte Halbinsel zu reisen. Ich reiste nach Georgien und von da mit einem Bus in die russische Republik Nordossetien, um weiter auf die Krim zu kommen. Am Grenzübergang sahen die russischen Beamten meinen Geburtsort auf der Krim im Reisepass und setzten mich fest. Männer ohne Ausweis brachten mich dann in die russische Stadt Wladikawkas.
Dort wurde ich dann von sechs Männern verhört, vermutlich Mitarbeiter des FSB. Sie beschimpften und bedrohten mich, einer setzte mir seine Pistole an den Kopf. Nach etwa acht Stunden ließ man mich vorerst frei. Es war inzwischen späte Nacht, und telefonieren konnte ich nicht, in Russland werden ukrainische SIM-Karten blockiert. Einer der Männer, die mich verhört haben, rief mir ein Taxi und befahl mir, zu einem Hotel zu fahren. Angeblich, damit ich am nächsten Tag weiterreisen könnte. Das war ein Trick. Nur einige Minuten nachdem wir losgefahren waren, wurde das Taxi von der Polizei gestoppt. Ich hatte nicht einmal Zeit, den Fahrer um ein Telefon zu bitten, um meine Familie anzurufen. In Nordossetien dürfen ausländische Staatsbürger im Grenzgebiet nur bestimmte Straßen befahren, für alle anderen benötigt man eine Sondergenehmigung. Die Polizisten wussten natürlich, dass ich dort entlanggefahren werde. Sie brauchten nur einen Vorwand, um etwas gegen mich zu haben.
Sie brachten mich noch in derselben Nacht vor ein Gericht. Einen Anwalt, der mir per Gesetz zustand, bekam ich nicht. Das würde nur den Prozess verzögern, hieß es. Dieser dauerte dann auch nur fünf Minuten, und ich wurde zu einer Geldstrafe und Ausweisung verurteilt. Danach kam ich in ein Abschiebezentrum – ein Gefängnis für Ausländer, die auf Ausweisung warten.
Nur dank eines äußerst glücklichen Zufalls konnte ich eine Köchin dazu überreden, mir ihr Telefon zu geben, damit ich endlich meine Bekannten anrufen konnte. Sie organisierten mir schon am nächsten Morgen eine Anwältin. Im März 2023 wurde ich dank ihrer Arbeit aus dem Abschiebezentrum entlassen. Aber die Entlassung war wieder eine Farce. Im selben Moment, als ich durch das Gefängnistor ging, hielt ein Auto neben mir an. Vier Männer zwangen mich in den Wagen und haben mich entführt.
Man schmiss mich und meine Sachen irgendwo im Stadtzentrum von Wladikawkas wieder raus. Dort wurde ich sofort wieder von danebenstehenden Polizisten verhaftet. Es hieß, ich stünde unter Verdacht, in der Gegend Drogen zu verkaufen. Sie brachten mich aufs Polizeirevier und unterstellten mir, „Widerstand gegen Staatsgewalt“ geleistet zu haben. Am Morgen danach kam ich vor Gericht und bekam 15 Tage Arrest. Nach deren Ablauf wurde ich unter wechselnden Vorwürfen immer wieder zu neuen Arreststrafen verurteilt. Vor jeder Anhörung sprach ein Geheimdienstler mit dem Richter. Es war alles abgesprochen und lief ganz offen und zynisch ab.
Um mich von meiner Anwältin und meiner Familie abzuschotten, verlegte man mich ständig. Die Justiz versuchte alles, um mich von der Außenwelt zu isolieren. Gleichzeitig versuchten sie, mir eine Verbindung zum Islamismus anzudichten. Ein Vorwurf, den russische Behörden nutzen, um alle Krimtataren unter Generalverdacht zu stellen. Im Mai 2023 wurde ich nach Moskau gebracht. Der Geheimdienst klagte mich dort dann wegen angeblicher Spionage an. Ich kam ins Lefortowo-Gefängnis des FSB, wo ich die nächsten 16 Monate verbrachte. Die meiste Zeit saß ich in Einzelhaft. Im September 2024 wurde ich dann ausgetauscht. Zusammen mit anderen ukrainischen Gefangenen wurden wir mit dem Bus zunächst nach Belarus und anschließend in die Ukraine gebracht.
Wjatscheslaw Sawalnyj (56), Mechaniker
Wjatscheslaw Sawalnyj. Foto: Svitlana Fedorenko
Als der russische Angriffskrieg begann, war ich in Kyjiw. Meine Frau und mein siebenjähriger Sohn waren aber in Mariupol, das seit den ersten Wochen von der russischen Armee umzingelt war. Anfang März ist der Kontakt zu meiner Familie abgerissen. Daraufhin beschloss ich, selbst in die Stadt zu fahren, um sie da rauszuholen.
Zu dieser Zeit war es noch möglich, die Frontlinie zu passieren. An den ersten russischen Checkpoints hinter Saporischschja ließen die Soldaten mich noch durch, weil ich ihnen Zigaretten angeboten hatte. Entlang der Straße sah ich zerschossene zivile Fahrzeuge und hastig verscharrte Leichen.
An einem Kontrollpunkt bei Polohy war meine Reise jedoch zu Ende. Die Soldaten haben auf meinem Telefon einen Telegram-Kanal gefunden, der ihnen verdächtig erschien. Dort schlug mich ein russischer Leutnant zum ersten Mal zusammen. Am nächsten Morgen brachte man mich ins besetzte Melitopol. Der russische Geheimdienst hatte bereits alle Daten über mich: Militärakten, Waffen- und Melderegister. Als klar wurde, dass ich Zivilist war, ließ das Interesse an mir nach, und ich durfte meine Frau anrufen. So erfuhr ich, dass meine Familie es bereits aus Mariupol rausgeschafft hatte.
Da man nichts mit mir anzufangen wusste, verfrachtete man mich zusammen mit anderen Zivilisten und Soldaten in ein Gefangenenlager in Oleniwka bei Donezk. Dort wurde ich nicht geschlagen. Vor meinen Augen aber misshandelten die Wachen verwundete ukrainische Soldaten des 501. Marinebataillons stundenlang, bis sie die Schlagstöcke an ihnen zerbrachen.
Der Krieg war direkt nebenan: Ein russischer Artillerieverband feuerte fast aus dem Lager heraus auf die ukrainischen Positionen. Die Russen nutzten uns als Schutzschild. Später haben die Russen das Oleniwka-Lager selbst gesprengt, um ihre Verbrechen dort zu vertuschen.
Im April 2022 kam ich zusammen mit anderen Gefangenen nach Russland, in ein Untersuchungsgefängnis bei Kursk. Bereits beim Empfang begannen die Schläge mit Händen, Füßen, Elektroschockern, Gummiknüppeln. Die Schläge hörten nie auf. Bei Durchsuchungen standen wir mit gesenktem Kopf an der Wand, während man uns auf die Gelenke schlug und Hunde auf uns losließ. Mein eigener Körper war irgendwann vollständig von Hämatomen bedeckt. Beim Morgenappell mussten wir aufspringen und die russische Hymne brüllen.
Nach etwa einem Monat wurde ich in ein Straflager in die russische Region Tula, südlich von Moskau, verlegt. Auch dort empfing uns ein Spalier prügelnder Wachen. Das Lager war zudem überfüllt: Bei einer Kapazität von etwa 100 waren dort bis zu 220 Mann untergebracht, und ich kam in eine Zelle mit 24 anderen. Dort mussten wir bis zu 18 Stunden am Tag stehen.
Auf Befehl des Lagerchefs Aleksandr Plaksin wurden wir gezielt ausgehungert. Ich zählte einmal meine Tagesration: 33 Buchweizenkörner, etwas Tee, Brühe aus verfaulten Kartoffelschalen. Beim Austausch wog ich nur 55 Kilo. Ärzte stellten dabei gebrochene Rippen, gerissene Sehnen, Wirbelverschiebungen und innere Geschwüre fest. Ein Jahr lang konnte ich kaum sitzen oder liegen.
Ich kam bei einem der ersten Gefangenenaustausche zwischen Russland und der Ukraine im Januar 2023 frei. Das geschah vor allem dank meiner ältesten Tochter Karyna, die mich über andere Mitgefangene ausfindig machte. Sie gründete die Stiftung Tsyvilni v Poloni (Zivilisten in Gefangenschaft) und startete eine Kampagne zu meiner Freilassung. Sie sagte mir: „Papa, ich habe dich berühmt gemacht. Ich hoffe, du bist mir nicht böse.“ Bis heute setzt sie sich für andere verschleppte Zivilisten ein, und ich hoffe, ihr dabei auch ein bisschen helfen zu können.
Auf dieser Website werden Cookies eingesetzt, um die Nutzererfahrung stetig zu verbessern und bestimmte Funktionen bereitzustellen. Mit dem Klicken auf "Akzeptieren" stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen erhalten Sie in der Datenschutzerklärung und im Impressum.
Diese Website verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen bereitstellen zu können und Ihren Besuch so angenehm wie möglich zu gestalten. Darüber hinaus werden Cookies von Analyse-Tools eingesetzt, um die Seite stetig verbessern zu können.
Analytische Cookies werden verwendet, um zu verstehen, wie Besucher mit der Website interagieren. Diese Cookies helfen dabei, Informationen über Metriken wie die Anzahl der Besucher, Absprungrate, Quelle des Datenverkehrs usw. zu liefern.
Notwendige Cookies sind für das ordnungsgemäße Funktionieren der Website unbedingt erforderlich. Diese Cookies gewährleisten grundlegende Funktionalitäten und Sicherheitsmerkmale der Website.