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Otroversion: Gibt es ein drittes Persönlichkeitsmerkmal?
Das introvertierte und extrovertierte Persönlichkeitsmerkmal ist bekannt. Ein US-Psychiater spricht von Otroversion bei „freiwilligen Einzelgängern“. Wie seriös ist das?
Auf solch einen Moment ist niemand vorbereitet: von heute auf morgen muss das Zuhause verlassen und ein Pflegeheim gefunden werden. Eine Geschichte über Abschiede, emotionale Achterbahnfahrten und wundersame Zufälle.
Eigentlich wollte das Ehepaar Schauser die ersten zwei Monate des Jahres 2026 in Andalusien verbringen. Es wollte die Mandelblüte bewundern, durch Orangenhaine flanieren, klassische Konzerte in Granada besuchen, am Pool dösen, dem norddeutschen Winter entfliehen. Wie in den vergangenen Jahren auch. Die Flüge waren gebucht, die Vorfreude stieg. Es kam anders.
„Unsere Zukunft?!“, lautet die Betreff-Zeile einer Rundmail an Familie, Freunde und Nachbarn in Steinbergholz, Schleswig-Holstein, im Dezember 2025. Geert-Henning Schauser, 91, beschreibt darin die jüngsten Ereignisse: Seine Frau Esther, 92, hatte sich im Oktober durch einen Sturz das linke Hüftgelenk gebrochen. Nach vier Wochen Schmerzen im Krankenhaus folgte zu Hause das nächste Unglück. Esther stürzte erneut und brach sich das rechte Hüftgelenk. „Das war meine eigene Dummheit. Beide Stürze hätte ich verhindern können“, sagt sie. Beide Male hatte sie Schlaftabletten genommen und war nachts benommen von der Toilette auf die Fliesen gekippt. Erst nach links, dann nach rechts. Wieder Krankenhaus. Die vier Kinder besuchten sie so oft wie möglich. Ob Esther heilen würde? Geert-Henning erlebte diese Wochen des Bangens als „größte emotionale Achterbahnfahrt meines einundneunzigjährigen Lebens“.
Im Laufe des Dezembers stand fest, dass Esther einen Heimplatz braucht. Zwei der vier Kinder reisten aus Kalifornien und Kopenhagen an, um eine Bleibe zu finden. In solchen Fällen muss man mit langen Wartezeiten rechnen; laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie 2025 führen 78 Prozent der Pflegeheime eine Warteliste: durchschnittlich 35 Interessenten, Wartezeit rund sechs Monate. Zeit, die zu einer Ewigkeit werden kann, wenn es schnell gehen muss.
Täglich besuchte Geert-Henning Esther im Krankenhaus, tigerte durch das gemeinsame Haus, grübelte. 1978 war das Ehepaar mit seinen vier Kindern dauerhaft zurück nach Schleswig-Holstein gekommen, in Geert-Hennings Heimat, und in das Holzhaus nahe am Strand gezogen. Hier eine Treppe, dort eine Kammer, in einer Ecke die Aussteuertruhe, und – sieh an – diese Tür führt zu einer Sauna: Ihr gemeinsames Haus gleicht einem Labyrinth auf 180 Quadratmetern. An den Wänden die Fotos der Kinder, Enkel und der unzähligen bereisten Länder, eine Plakatwerbung für Sohn Ingo, der an einem Abend vor mehr als 30 Jahren auf einem Konzert in Odense Mozart spielen würde. Am 13. Dezember 2025 schreibt Geert-Henning: „Wir werden unsere gewohnte Umgebung aufgeben müssen. Das ist ein schwerer, aber notwendiger Schritt. Seit 1969 wohnen wir mit Unterbrechungen in Steinbergholz, die sichere Heimat unserer Kinder, die nun so weit verstreut leben. Weihnachten wird für uns ungewohnt.“ Bedauern klingt durch, aber auch Pragmatismus. Diese Zeilen schreibt er noch in seinem Arbeitszimmer, in dem ein ehrgeiziger Archivar über Jahre beschäftigt wäre, um all die Dias, Ordner und Papiere zu sortieren, Zeugen eines erfüllten Lebens.
Vier Kinder hat das Paar. Die ersten drei – Klaus Erik, Kirsten und Leif – kamen in Chile auf die Welt, wo das Paar nach der Hochzeit fünf Jahre lebte und Geert-Henning als Lehrer an einer deutschen Schule arbeitete. Dort begann er mit der Tradition der „Rundbriefe“, damals noch sorgsam getippt auf einer Reiseschreibmaschine. Wochenlang war ein Brief von Chile nach Deutschland in den Sechzigerjahren unterwegs. Bis heute sendet er Rundbriefe, nun eben in Form von E-Mails, blitzschnell. Nach den Jahren in Chile lebten sie in Australien, danach in Deutschland, später fünf Jahre in Spanien. Eine prägende Zeit für die Kinder, meint Geert-Henning, der sich nicht wundert, dass zwei Söhne in wärmeren Klimazonen leben, während Leif und Kirsten in Aarhus und Kopenhagen wohnen, im Heimatland der Mutter. 1933 in Kopenhagen geboren, wuchs sie als Stadtkind auf, erlebte die deutsche Besatzung von 1940 an. Nach dem Studium unterrichtete sie zwei Jahre an einer Grundschule in Nuuk, Hauptstadt von Grönland. Dass sie ausgerechnet einen Deutschen lieben würde, hätte sie nie geglaubt.

„Ich hatte mir geschworen, nur einen Mann zu heiraten, der genauso ist wie ich: je wilder, desto besser. Es sollte jemand sein, der mit mir nach Indien bis in den Himalaja reist“, erzählt Esther. Getroffen hatte sich das Paar im Sommer 1960, als Esther mit einer Freundin auf dem Kungsleden durch Schwedisch-Lappland wanderte. In einer Fjällstuga, einer Hütte in der Wildnis, sah sie Geert-Henning das erste Mal. Sie dachte: „Oh, da kommt ein Rucksack mit einem Mann darunter.“ Geert-Henning war allein unterwegs: „Ich schleppte wahnsinnig schweres Gepäck: Essvorräte für sechs Wochen, Schlafsack, Klamotten, all das.“ Sie wanderten gemeinsam weiter. Während der Tour spürten beide, wie gut sie zusammenpassten. Er lernte Dänisch. „Für unsere Hochzeit im September 1961 in Kopenhagen brauchte ich nur ein Wort: Ja.“ Er grinst wie ein Bengel von der hintersten Schulbank. Beide erzählen so lebhaft aus ihrer Vergangenheit, als seien diese Dinge gestern und nicht vor 65 Jahren geschehen.
Kurz vor Weihnachten 2025 dann große Erleichterung: Kirsten und Klaus Erik hatten im Eiltempo eine Bleibe für Esther gefunden, in einer Seniorenresidenz im nahen Glücksburg. Am 22. Dezember kommt Esther kurz aus der Geriatrie des Krankenhauses nach Hause, um einige Dinge zu holen: „Das klappte nicht. Die Schmerzmittel hatten mich völlig benebelt. Ich konnte nicht mehr denken. Alle 30 Minuten bin ich eingeschlafen. Daher packte Kirsten für mich. Ich war so froh, das Haus schnell verlassen zu dürfen und an einen sicheren Ort zu kommen.“ Ein Umzugsunternehmen holt Schränke, Sofa, Sessel und die Bilder der Enkelkinder ab. Ingo und Kirsten richten das neue Apartment 103 für die Mutter ein, mit Terrasse und Ausblick auf einen See mit einem malerischen Wasserschloss in der Mitte. Nur wenige Pflegeheime können mit solch einer Toplage mithalten.
Doch was soll Geert-Henning tun? Allein zu Hause bleiben? Ein Zufall beschleunigt die Entscheidung. Genau an Esthers Umzugstag verstirbt ein 96 Jahre alter Heimbewohner. Apartment 108 wird frei. Als er diese Nachricht bekommt, setzt bei Geert-Henning eine innere Erschütterung, ein Schwindel ein. Ist das wirklich Zufall oder der entschlossene Griff höherer Mächte, die an ihm rütteln? Denn: 30 Jahre zuvor war seine Mutter Ahni genau in dieses Apartment 108 eingezogen und lebte sechs Jahre lang darin. Fast täglich hatte er seine Mutter besucht und sie im Rollstuhl durch den Park geschoben, den sie liebte. Er kennt jeden Baum, jede Sichtachse. „Dieses Zimmer muss ich haben“, sagt sehr laut die innere Stimme. Die Heimleiterin telefoniert die Warteliste ab, doch niemand kann oder will spontan zwischen Weihnachten und Silvester umziehen. Bis auf Geert-Henning. Wieder Zufall oder Schicksal. Welche Kapriolen das Leben doch schlägt.
Nun muss es „holterdiepolter gehen, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich in diese Tasche packen soll“, sagt er, bevor er am 27. Dezember Apartment 108 bezieht, nur wenige Schritte von Esther im gleichen Flur entfernt. Er packt ein, was ihm spontan einfällt: Zahnbürste, Unterwäsche, Nachtwäsche, zwei Hemden, Bettdecke, Kissen, Ausweis. Er vergisst mehr, als er mitnimmt. Sohn Ingo hilft, packt das Auto voll, fährt zwischen Heim und Haus hin und her, holt fehlende Dinge. Nachbarn bauen Schränke und Regale im Haus ab und im Heim neu auf. Am 31. Januar 2026 schreibt Geert-Henning im Rundbrief, nun gesendet aus Apartment 108: „Die vielseitige Ernährung und die freundliche Atmosphäre schenken uns ein Gefühl der Sicherheit und des Wohlfühlens. Ebenso der ständige Kontakt zu unseren Kindern über Facetime und deren Fürsorge.“
Ein Besuch im Februar 2026. Das Paar wirkt höchst zufrieden. Von Trauer oder Abschiedsschmerz wegen des Hauses und des ehemals freien und selbstbestimmten Lebens keine Spur. „Es wäre idiotisch gewesen, wenn ich allein im Haus geblieben wäre. Ich hätte mir nicht mal ein Ei allein kochen können“, so Geert-Henning. Auch räumt er ein, dass er vor Esthers Stürzen ebenfalls „schon zweimal in voller Länge hingekracht“ sei, einmal mit gebrochener Nase als Folge. So konnten die Kinder die Eltern davon überzeugen, dass ein Pflegeheim – nun aber wirklich – die beste Lösung sei. Denn wenn sich die Umstände so rasant verschlechtern, entwickelt sich der Ausblick auf einen Platz im Pflegeheim schnell zur Rettungsinsel.
Ein großer Schritt ist zusätzlich, dass Geert-Henning in jenem Dezember voller Tiefschläge und Trubel auch noch sein Auto abgibt und damit die gemeinsame Mobilität und Selbständigkeit. Auf Drängen der Kinder opfert er die Bewegungsfreiheit, um andere Menschen und sich selbst nicht zu gefährden. Er kann sich und seinen Kräften nicht mehr trauen. Also weg mit dem geliebten Auto.
Diese Entscheidungen liegen hinter ihnen. Sie wirken gelöst und erleichtert, sich um nichts mehr kümmern zu müssen. Über den Umzug von 180 auf 30 Quadratmeter erzählen sie, als ob solch eine Verkleinerung nahezu erstrebenswert für alle in jedem Alter sei. Sie spüren Dankbarkeit, für ihre frei gestaltete Lebensführung und dafür, dass die Kinder sie so viel unterstützen, wie es ihnen möglich ist. Vielleicht die Ernte einer Saat.
„Ab jetzt essen wir nicht mehr vegetarisch. Dafür schmeckt das hier zu gut“, sagt Esther schmunzelnd. Sie legt Gabel und Messer auf der weißen Tischdecke im Speisesaal ab: „Endlich muss ich nicht mehr kochen. Ich kann das nicht mehr.“ Mittags stehen zwei Gerichte zur Auswahl. Etwa Kohlroulade mit Kartoffeln oder Lammcurry auf Reis. Gerne bestellen sie „halbe-halbe“: von beiden Gerichten die Hälfte. Im Wissen, dass diese halbe Portion oft ebenso üppig ausfällt wie die volle und so zur doppelten Portion anwächst.

Bei Begegnungen während ihrer Wege durch das Gebäude wird gelacht und geschnackt. So viele ältere Menschen fürchten sich davor, „ins Heim zu müssen“. Hier wirkt die Atmosphäre eher wie in einem lichterfüllten Hotel mit jedem erdenklichen Service, vom Einkaufsdienst über Friseur, Fußpflege, Fahrdienste in die Therme, Physiotherapie bis hin zu den Tanzabenden. Ein Grund dafür mag sein, dass dieses Heim von einem Familienunternehmen als GmbH geführt wird.
Doch was wird nun aus ihrem Haus? „Ich vermisse nichts“, sagt Esther. Der schöne Wintergarten? „Der war entweder zu kalt oder zu warm.“ Alle Kinder und Enkel seien anderswo gut versorgt, das Haus soll verkauft werden. Ihre neue Heimat liegt nun am Schlosssee. Für Geert-Henning schließt sich ein Kreis genau in diesem Zimmer, in dem seine Mutter ihre letzten Lebensjahre verbrachte und glücklich war. Gutes Omen, denkt er.
Wie alt wollen die beiden eigentlich werden? „110 Jahre“ – blitzschnelle Antwort. Esther schiebt hinterher, dass der Hausarzt ihr dieses Alter prognostiziert habe. Beide lieben die Natur und das gesunde Leben. Sie haben nie geraucht, selten Alkohol getrunken, haben sich zeitweise fleischlos ernährt und sind täglich ihre 10.000 Schritte gelaufen. Dieser Radius hat sich heute verkleinert, doch ein paar Runden durch den Schlosspark schaffen sie.
Im September steht die eiserne Hochzeit für das Paar an. 65 Jahre Ehe wollen sie feiern. Und was werden sie tun, wenn der Moment kommt, dass einer von ihnen zuerst gehen muss? „Darüber denken wir nicht nach. Es kommt, wie es kommt. Über unsere Zukunft haben wir uns noch nie Sorgen gemacht.“

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