Deutscher baut Drohnen in Ukraine: Widerstand mit Lötkolben

Drohnen spielen im Krieg in der Ukraine eine entscheidende Rolle. Foto: Adobe Stock / seeasign Drohnen spielen im Krieg in der Ukraine eine entscheidende Rolle. Foto: Adobe Stock / seeasign

Konrad Walter, Sozialarbeiter und Grünen-Mitglied, fährt regelmäßig in die ukrainische Hauptstadt, um dort zu helfen: Erst baute er zerstörte Gebäude wieder auf, inzwischen lötet er in einem ehemaligen Blumenladen Drohnen für den Krieg zusammen.

Der Lötkolben in Konrad Walters Hand kann sich auf bis zu 400 Grad Celsius aufheizen. Wenn der 39-jährige Stuttgarter in der Werkstatt in Kyjiw Videotransmitter an ein Drohnengestell lötet, ist Präzision gefragt. Auch der Verantwortungsgrad ist hoch, da Walter nicht mit handelsüblichen Geräten hantiert: Die Werkstatt stellt an einem geheimen Ort in der ukrainischen Hauptstadt Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte her und sieht ganz anders aus, als man sich ein High-Tech-Labor oder ein Widerstandsnest aus Hollywood-Filmen vorstellt. Unsere Mitarbeiterin vor Ort findet dort weder sterile Oberflächen noch bärtige Guerilleros mit umgebundenen Munitionsgurten vor. Die Werkstatt befindet sich in einem ganz normalen Büro in einem ganz normalen Haus, dessen Fenster abgeklebt sind, um die Außeneinsicht zu verdecken. An den Wänden stehen Regale und Tische voller Komponenten, ein Plattenspieler spielt ukrainische Musik und Evergreens; ein knallorangener Sessel gehört den Hunden der Freiwilligen. Keins der Möbelstücke passt zueinander, alles wurde von den Freiwilligen aus ihren eigenen Häusern hergeschleppt.

Auch zum Ende des vierten Kriegsjahres findet der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine kein Ende. Allein am Heiligabend töteten Moskaus Luftangriffe mehrere Zivilisten im ganzen Land. Doch auch der Strom der Unterstützung aus dem Westen bricht nicht ab: Über die Grenzen des angegriffenen Landes kommen Waffen, Hilfsgüter – und auch Menschen aus der EU und Deutschland. Auch Kyjiw selbst bleibt eine lebendige Metropole trotz Krieg: Cafés, Bars, Kunstgalerien sind offen, Menschen treffen sich auf Plätzen, diskutieren über Politik und Kultur, als sei Normalität ein Akt des Widerstands. Laut VisitKyiv.com, einem unabhängigen Informationsprojekt für ausländische Ukraine-Besucher, sind allein im ersten Halbjahr 2025 fast 1,2 Millionen Ausländer in die Ukraine eingereist. Nach Angaben des Grenzschutzes stammten davon rund 25.000, wie Konrad Walter, aus der Bundesrepublik. In seiner Heimat ist Walter bei den Grünen aktiv. 

Konrad Walter und die Ukrainerin Kseniia Kalmus. Foto: Privat
Konrad Walter und die Ukrainerin Kseniia Kalmus. Foto: Privat

Nicht alle von ihnen haben hehre Motive: Manche kommen auch, um eine günstige Zahnbehandlung zu bekommen oder als bloße Kriegs-Touristen. Walter hat jedoch andere Ziele: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in meiner Freizeit einmal Drohnen für ein Schlachtfeld zusammenbaue. (…) Ich mach das aber, weil ich die Verteidigungsfähigkeiten der Ukraine im Rahmen meiner beschränkten Möglichkeiten unterstützen möchte“, erzählt der Stuttgarter. „Ich habe ja nicht darauf gewartet, dass ich endlich etwas potentiell Tödliches produzieren darf. Wie alle Ukrainerinnen und Ukrainer hätte auch ich am liebsten nie etwas mit einem Krieg zu tun gehabt.“ Die Zerstörung des Landes durch die russischen Besatzer machte den gelernten Sozialarbeiter jedoch notgedrungen zum Drohnen-Konstrukteur. 

Von der Rosenschere zum Lötkolben

Auch die Drohnen-Werkstatt, in der Walter arbeitet, ist ein Produkt des Krieges. Vor dem Krieg war die Inhaberin Kseniia Kalmus eine erfolgreiche und mehrfach ausgezeichnete Kyjiwer Floristin. Der Krieg zwang ihr jedoch neue Aufgaben auf: Die Kyjiwerin tauschte die Rosenschere gegen einen Lötkolben und gründete die NGO KLYN Drones. „Um nicht zu weinen, sammele ich Spenden für Drohnen“, steht seitdem in ihrer Instagram-Biografie. 

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„Ich hatte einen Laden von etwa 75 m² voller Blumen und jede Menge Freunde, teilweise im Ausland, die spenden oder helfen wollten“, erzählte Kalmus im Video-Interview. Gleichzeitig hätten viele Zivilisten und Militärs diese Hilfe gebraucht und die NGO entstand aus der Notwendigkeit, diese Unterstützung zu bündeln. „Freunde, die mich noch aus meiner Zeit als Floristin kennen, sagen, diese Werkstatt sähe der alten sehr ähnlich“, lächelt die 37-Jährige umgeben von surrenden Lötkolben und Drohnenteilen. Heute stellt ihr Team von KLYN Drones sogenannte FPV-Drohnen her. Nachdem die Geräte zusammengesetzt sind, werden sie per Post an die Front geschickt. Oft legt das Team handgeschriebene Kinderzeichnungen in die Pakete bei. Viele der kleinen Botschaften stammen aus Schulen und Kindergärten des Landes und sollen den Soldaten Mut machen.

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Von FPV-Drohnen und „loitering munitions“

FPV steht dabei für First-Person-View, eine Ansicht aus der „ersten Person“ also, da sie von Drohnenpiloten durch eine eingebaute Kamera manuell navigiert werden. In Deutschland werden die in etwa DIN-A3 großen Geräte vor allem von Kameraleuten bei Hochzeiten, Konzerten oder Landschaftsaufnahmen genutzt. Diese Art der Drohnen können aufgrund einer begrenzten Akkuleistung nur eine kleine Ladung mitnehmen, was sie stark von den von Russland verwendeten großen automatisierten Drohnen unterscheidet. Die russischen Lenkwaffen – sogenannte „loitering munitions“ – wie z.B. die Shahed- oder die Lancet-Modelle erreichen hingegen inzwischen fast die Größe eines Marschflugkörpers und werden de facto wie Langstreckenraketen mit mehreren Dutzend Kilogramm Sprengstoff bestückt. Moskau nutzt solche Waffen seit Jahren um die zivile Infrastruktur der Ukraine zu zerstören. 

Die kleinen, schwächeren FPV-Quadcopter sind indes vielseitiger. Auch sie können für einzelne Soldaten tödlich sein und auch russisches Militärgerät zerstören. Zeitgleich fliegen sie auch über Schützengräben, liefern Informationen oder können dringend benötigte Medizin an die Front bringen. So können die kleineren Varianten auch manchmal Leben retten. „Die FPVs, die wir bauen, sind nicht wie die russischen Langstreckendrohnen dazu da, um Zivilisten in ukrainischen Städten zu terrorisieren“, betont Konrad Walter. „Die von uns gebauten Drohnen zerstörten beispielsweise einen russischen Panzer oder einen Raketenwerfer und schützen damit das Leben ukrainischer Zivilisten und Soldaten“, sagt er.  

Von Stuttgart nach Kyjiw

Walter entdeckte die Ukraine im Jahr 2010 zum ersten Mal für sich. Im Lauf der Jahre gewann er immer mehr Freunde vor Ort – vor allem die Folgen der Maidan-Revolution 2014 hinterließen einen bleibenden Eindruck: „Ich war beeindruckt von den Menschen, die nach der Revolution etwas Neues aufbauten“, sagt er. Sogar einen Umzug nach Kyjiw habe er erwogen. Doch die russische Invasion 2022 zog ihm – und Millionen anderen – einen Strich durch die Rechnung. Walter wollte seine Freunde vor Ort unterstützen und reparierte in den Folgejahren zunächst Häuser in den von Russen zerstörten Dörfern. „Wir haben anfangs mit Freunden viel Wiederaufbau in den befreiten Gebieten betrieben und dabei für rund 400 Familien, drei Schulen und eine Krankenstation die zerstörten Dächer repariert. Dabei haben wir viel Unterstützung aus Stuttgart bekommen, darunter von STELP e.V. und sind dafür sehr dankbar.“ 

Doch Walter merkte schnell, dass die rein zivile Hilfe in der Ukraine an ihre Grenzen stößt, solange Putins Truppen ihre Angriffe fortsetzen: „Als die Russen begannen, die ersten Häuser, die wir gerade wieder repariert hatten, erneut zu zerstören, habe auch ich verstanden, dass man an die Ursache gehen muss. Man kann nicht immer wieder neu aufbauen, solange die Ursache der Zerstörung präsent ist. Die Ursache sind die Invasoren – und sie werden mit Drohnen bekämpft.“ So kam er zu KLYN Drones. „Ich habe mich entschieden, selbst einen klitzekleinen Beitrag zu leisten, und mir beibringen lassen, wie man lötet. Es fühlte sich anfangs fremd an, ein seltsames Gefühl. Mit der Zeit wurde es besser. Zu sagen, dass mir das Spaß macht, wäre natürlich übertrieben – aber es ist notwendig.“ 

Walter erzählt auch von schlaflosen Nächten in der ukrainischen Hauptstadt, von unerwarteten Einschlägen und davon, wie man sich Kenntnisse aneignet, die man eigentlich nie haben wollte: „Am Geräusch erkennen zu können, was gerade durch die Luft fliegt, um dich oder andere Menschen in der Stadt zu töten, darauf bin ich nicht stolz. Ich hätte es am liebsten nie gelernt. Aber jetzt kann ich es halt, da ich mich bei meinen Besuchen vor Ort damit auseinandersetzen musste – genau wie viele Millionen Ukrainer, die leider täglich diese Geräusche hören müssen.“

„Die deutsche Politik wird dieses Versagen irgendwann aufarbeiten müssen“

Zusammen mit diesen Millionen von Ukrainern wurden die ehemalige  Floristin Kalmus und [1] der gelernte Stuttgarter Sozialarbeiter Walter zum Teil einer Entwicklung, die der russische Angriffskrieg der Ukraine aufgezwungen hat: Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – Lehrer, Künstler, Taxifahrer – mussten lernen, Drohnen zu bauen oder zu fliegen, Code für das Militär zu schreiben oder zu Experten für Luftaufklärung werden. Zugleich gibt es natürlich einen wesentlichen Unterschied zwischen den Ukrainern und den ausländischen Helfern, der auch dem Stuttgarter bewusst ist: „Im Unterschied zu meinen Freunden vor Ort kann ich jederzeit mit dieser Unterstützung aufhören und nach Hause fahren. Die Menschen hier können es nicht. Sie haben täglich russische Shahed-Drohnen und Raketen über ihre Köpfe fliegen und müssen sich verteidigen. Denn es gibt keine Freiheit und Selbstbestimmung dort, wo russische Fahnen wehen.“ 

[2] Walter, betont, dass er in der Ukraine in seiner Freizeit als Privatperson handelt. Auch mit Kritik an seiner Arbeit hat er kein Problem: „Wenn Menschen mein Engagement kritisieren, ist das ihr gutes Recht. Wir leben in einem freien Land, hier darf man unterschiedliche Meinungen haben und darüber sprechen. Genau darin liegt aber der Unterschied zu der oft genannten „Alternative“: sich zu ergeben und unter Besatzung angeblich „in Frieden“ zu leben. Denn dann gäbe es diese Meinungsfreiheit nicht mehr. 

Für den Stuttgarter ist der Drohnenbau nur einer der Wege, sich in den ukrainischen Verteidigungskampf einzubringen. In Deutschland sammelt er Geld- und Sachspenden – und brach kurz vor Weihnachten erneut nach Kyjiw auf. Zusammen mit anderen Helfern überführte er zwei gekaufte Geländewagen, die in der Ukraine präpariert und – ebenso wie die Drohnen – den Frontsoldaten zugute kommen sollen. Für seine ukrainischen Freunde hatte Walter deutsche Weihnachtsstollen im Gepäck, erzähtlt er. In einigen Monaten plant er wieder nach Kyjiw zu reisen, um das Drohnenbauer-Team von Kseniia Kalmus mit Spendengeldern und persönlichem Einsatz zu unterstützen. Für die zögerliche Ukraine-Unterstützung der Bundesregierung hat Walter indes heftige Kritik parat: „Hätte Deutschland tatkräftig und frühzeitig die benötigten Verteidigungswaffen bereitgestellt, müssten meine Freunde an der Front Europa nicht mit spendenfinanzierten Drohnen verteidigen – dann wären viel weniger Häuser zerstört und tausende Menschen noch am Leben. Die deutsche Politik wird dieses Versagen irgendwann aufarbeiten müssen. Für mich fühlt es sich richtig an, was ich tue. Ob es genug war, werde auch ich mich irgendwann fragen lassen müssen.“ 

MITARBEIT: Olena Polotniana.

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