Klöster in Deutschland haben ein Nachwuchsproblem: Welche Zukunft haben sie noch angesichts der schwindenden Zahl von Brüdern und Schwestern? In Heidelberg und anderswo in Süddeutschland setzt man auf kreative Lösungen.
An diesem Morgen treiben Nebelschwaden über dem Neckar. Der Fluss dampft, als hätte jemand einen Kessel darunter angeheizt. Über dem Dunst liegt das Heidelberger Kloster Stift Neuburg auf einem Bergvorsprung in der Wintersonne. Durch einen Torbogen geht es auf das Areal. Der Kies knirscht unter den Schuhen, links befindet sich die Klosterpforte. Kurz nach neun Uhr öffnet sich die schwere Holztür.
Pater Benedikt Pahl, der Prior, springt in seiner schwarzen Benediktinerkutte sehr jugendlich heraus. Er ist seit sechs Uhr auf den Beinen, um sieben Uhr hat er mit seinen Mitbrüdern das erste Gebetsanliegen vorgetragen und um acht Uhr die Morgenmesse gefeiert. So gesehen ist es für ihn später Vormittag. Vielleicht ist Benedikt, graues Haar, klar gezogener Scheitel auf der linken Seite und mit 70 Jahren der zweitjüngste der Ordensgemeinschaft, aber auch deshalb so dynamisch, weil er noch einiges mit dem Kloster vorhat.
Nur noch sieben Mönche bewohnen die historische Immobilie in einer Lage, von der viele in Heidelberg träumen dürften. Zu den Hochzeiten in den 1930er-Jahren waren es über 50 Ordensbrüder. Männer, die Kühe hüteten, Obst ernteten und Forellen züchteten. Von dieser Betriebsamkeit ist wenig übriggeblieben. Der Altersdurchschnitt liegt inzwischen bei 79,3 Jahren, der höchste Wert in der Beuroner Kongregation, zu der neben Stift Neuburg 18 weitere Klöster gehören.
Dass immer weniger Menschen ein Leben in Gehorsam, Keuschheit und Armut wählen, ist kein neues Phänomen. „Dieser Prozess läuft seit Mitte der 1960er-Jahre“, sagt Arnulf Salmen, Sprecher der Deutschen Ordensoberkonferenz. Während es damals allein 100.000 Nonnen in Deutschland gab, waren es bei der letzten Erhebung Ende 2024 nur noch 9.467 Frauen und 3.161 Männer, die zur römisch-katholischen Vertretung der deutschen Ordensgemeinschaften gehörten. Und eine Trendumkehr sieht Salmen nicht: „An vielen Orten werden große Klöster an ein Ende kommen. Stattdessen wird es kleinere Ordenszellen geben.“
Augustiner-Chorfrauen wehren sich gegen Unterbringung in Altersheim
Auch die Benediktiner im Stift Neuburg ringen seit Jahren um ihre Zukunft. „Es stand Spitz auf Knopf, ob wir noch weiter existieren können“, erinnert sich Pater Pahl an das Jahr 2020, als er das Amt des Priors übernahm. Im Besprechungszimmer – hellroter Kunststoffboden, vier Stühle, aufgeschlagenes Lukasevangelium – berichtet er bei einer Tasse Kaffee von den langwierigen Diskussionen.
Ein Umzug der Heidelberger Mönche in die Erzabtei Beuron im oberen Donautal stand im Raum, ebenso der Verlust der Selbständigkeit. Zuvor waren die Versuche, die klösterliche Landwirtschaft zu verpachten, zweimal im Fiasko, wie Benedikt es nennt, geendet. 40 Hektar steiler Hang, geeignet nur für Weiden und Streuobstwiesen, seien, so der Prior, einfach nicht wirtschaftlich tragfähig. Eine heikle Situation.
Was möglicherweise droht, wenn ein Kloster nicht mehr autark ist, können die Heidelberger Brüder gerade auf der 500 Kilometer entfernten Burg Goldenstein bei Salzburg beobachten. Dort wehren sich drei hochbetagte Augustiner-Chorfrauen gegen ihre Unterbringung in einem Altersheim. Sie kehrten in ihr langjähriges Zuhause zurück und besetzen es wie Protestierende. Mit ihrem kirchlichen Vorgesetzten liefern sie sich seither einen öffentlichen Schlagabtausch. Auf Instagram begleiten weltweit 100.000 Follower die Auseinandersetzung. Könnte ein solches Szenario auch in Heidelberg eintreten? Der Pater überlegt kurz und lacht dann hell auf. „Ja, da ist was dran. Aber ich will mir das lieber nicht ausmalen.“
In Heidelberg soll es erst gar nicht so weit kommen. Benedikt, ein gelernter Optiker und promovierter Theologe, organisiert mittlerweile nicht nur den klösterlichen Alltag, sondern auch verschiedene Baustellen. „Vor eineinhalb Jahren haben wir einen ganzen Gebäudetrakt entkernt und neugestaltet“, berichtet er. Die Zimmer wurden Rollstuhl- und Rollator-gerecht gestaltet und sind so vergrößert, dass auch ein Pflegebett hineinpasst. Außerdem haben mittlerweile alle Zimmer Dusche und WC. Als Benedikt 1982 in den Orden eingetreten ist, war das Leben spartanischer. „Ich hatte nur Kaltwasser auf dem Zimmer“, erinnert er sich.
„Wir wollen soziale Kompetenz zeigen“
Natürlich ist das Kloster mit seinen langen Gängen, seinen Trakten und Stockwerken für die verbliebenen Mönche schlicht zu groß. Aus diesem Grund öffnet sich Stift Neuburg zunehmend für sogenannte Laien. In den renovierten Gebäudeteil sind 14 männliche Studenten und ein Geflüchteter aus Afghanistan eingezogen. „Es geht uns nicht ums Geldverdienen, sondern wir wollen soziale Kompetenz zeigen, weil Heidelberg ein sehr teures Pflaster ist“, betont der Prior. Katholisch müssen die Mitbewohner nicht sein, aber die Hausordnung gilt es sehr wohl zu beachten. Übernachtungsbesuch von Frauen ist zum Beispiel nicht gestattet.
Weitere Veränderungen stehen demnächst an, da das Kloster seinen früheren Wirtschaftshof an den Heidelberger Industriellen und Mäzen Wolfgang Marguerre verkauft hat. Die Mittel sollen, wenn nötig, die Pflege der Brüder finanzieren, während auf dem Gelände der Stallungen ein Kammermusikcampus entsteht. Benedikt ist erleichtert, denn dieses Vorhaben passt seiner Meinung nach gut zur Spiritualität des Ortes. „Es gab viele Ideen: Waldorfschule, Ponyhof oder Burnout-Klinik. Bei Letzterem wäre ich wohl der erste Patient geworden “, sagt der gebürtige Hamburger mit trockenem norddeutschem Humor.
Ehemalige Schwesterzimmer in Apartments umgewandelt
Was hier in Heidelberg passiert, beschäftigt Klöster in ganz Deutschland. Welche Zukunft haben sie noch angesichts der schwindenden Zahl von Brüdern und Schwestern? Ulrike Rose, die Mitbegründerin des Vereins „Zukunft Kulturraum Kloster“, kennt die Probleme nur zu gut. Viele Ordensgemeinschaften seien komplett auf sich allein gestellt, wenn es um den Verkauf oder die Zukunft ihrer Häuser gehe.
„Die wichtigste Baukultur wird gerade auf dem Immobilienmarkt angeboten. Das finde ich erschütternd“, sagt die 60-jährige Expertin, die Klöster auf dem Weg zur Transformation berät. „Ich finde es traurig, dass die Ordensfrauen oder -männer auf den letzten Metern aus ihrem langjährigen Zuhause ausziehen müssen und versprengt in unterschiedliche Wohnsituationen kommen oder gemeinschaftlich ins Altersheim gehen“, versichert Rose.
Sie unterstützt nicht nur Ordensleute, sondern liebt auch die Aura der altehrwürdigen Abteien. Deshalb ist sie mit ihrem Büro von Berlin ins ehemalige Kloster Schlehdorf in Oberbayern umgezogen. Ihr Schreibtisch steht unter einer barocken, mit Stuck und Fresken verzierten Decke. Den vergleichsweise sanften Wandel in Schlehdorf hat sie mitbegleitet: Die Missionsdominikanerinnen haben ihr über 300 Zimmer großes Augustiner-Chorherrenkloster einem genossenschaftlichen Wohnprojekt überlassen und sind in ein neues Gebäude am Fuße des Klosters umgezogen.
Ähnliches planen die Franziskanerinnen vom Klosterberg Reute, einem Teilort von Bad Waldsee in Oberschwaben. Einst lebten hier fast 1.800 Schwestern, heute sind es nur noch 140. In einem Bürgerdialog wurde vor einigen Jahren klar, wie prägend das Kloster nicht nur für seine Bewohnerinnen, sondern auch für die Bevölkerung im Ort ist.
Hoffnung auf einen Fortbestand in Heidelberg
Ein Verkauf an einen privaten Investor war schnell vom Tisch. „Das Kloster ist identitätsstiftend“, ist Claus Mellinger überzeugt. Der 54-Jährige koordiniert ein ambitioniertes Bauvorhaben, das die Franziskanerinnen selbst stemmen. Auf einer Bruttogeschossfläche von sieben Fußballfeldern entsteht ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, Tür an Tür mit den Nonnen, die sich in einen kleineren Bereich zurückziehen. Ehemalige Schwesternzimmer werden dafür in 28 bis 35 Quadratmeter große Apartments umgewandelt. „Wir wollen den individuellen Bereich so klein wie möglich halten, aber dafür alles andere, was man so braucht, in Gemeinschaftsräumen anbieten“, erläutert Mellinger das Konzept. Die Interessenten kommen aus der Umgebung, aber auch aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Eine Nähe zur franziskanischen Spiritualität sei hilfreich, aber nicht Bedingung.
Auch in Heidelberg hofft Prior Benedikt Pahl, mit der Öffnung nach außen den Fortbestand von Stift Neuburg zu sichern. Vom Aufgeben will er nichts hören. Dass kürzlich in einer Zeitung stand, sie hätten „das Kloster verkauft“, wurmt ihn. „Wir haben die Scheune verkauft, nicht das Kloster“, stellt er klar. „Wir Benediktiner prägen seit 99 Jahren diesen Ort. Er ist uns ans Herz gewachsen.“
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