Vera Ukuwrere wurde ihrem Zuhause entrissen und von ihrer Mutter misshandelt: Sie kam als Kind aus Nigeria nach Deutschland und erlebte viel Ablehnung. Wie sie trotzdem zu einem zufriedenen Menschen wurde.
Manche Lebensgeschichten verlaufen alles anderes als geradlinig. Ohne Heimat, ohne Mutterliebe, mit wechselnden Sprachen und dem Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Trotz sehr schwieriger Startbedingungen kann ein Leben voller Liebe und Optimismus gelingen: Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Vera Ukuwrere aus Glücksburg (Nordfriesland).
Die heute 44-Jährige wusste lange nicht, wer ihre leibliche Mutter war. Im Alter von 13 Jahren wurde sie aus Nigeria nach Nordfriesland geholt. Sie lernte drei verschiedene Sprachen, erlebte Brüche, verlor ihre Wurzeln. Dennoch fand sie ihren Weg und ihre Berufung. Hier erzählt sie in eigenen Worten ihren Werdegang.
Protokoll von Vera Ukuwrere: Vom Busch in die Zivilisation
„Acht Jahre lang glaubte ich, dass meine Oma meine Mutter sei. Ich bin im Busch aufgewachsen, in Nigeria. Wir nennen es wirklich Busch. In einem Village, das ich heute nicht mehr verorten kann. Es gab keinen Strom, die Toiletten waren hinter dem Haus. Eine Art Plumpsklo, ein riesiges Loch, abgedeckt mit Brettern, da saß man drauf. Meine Oma war schlank, trug afrikanische Kleider in bunten Farben. Sie hielt mich an der Hand und ich habe zu ihr hochgeschaut, so das Bild in meiner Erinnerung.
Damals ging es mir gut. Auf einmal tauchte eine Frau auf. Meine Großmutter mütterlicherseits. Ich wurde von ihr abgeholt und vom Busch in die Zivilisation gebracht. In der Großstadt Kaduna lebte meine Mutter mit meinem deutschen Stiefvater Wolfgang in einem schönen Haus. Er hatte für die Air Force gearbeitet und war in Nigeria stationiert. Im Busch war es schön gewesen, sehr naturverbunden.
Dieses Haus in Kaduna durfte ich nur zum Duschen betreten. Ich lebte in einem Nebengebäude fast so simpel wie im Busch, gemeinsam mit der Familie des House-Sitters. Meine Mutter kochte zwar für mich, doch sie brachte mir das Essen nach draußen, damit wir nicht zusammen sitzen mussten. Auch mein Stiefvater hat mich nie liebevoll behandelt. Dafür hatte er einen Deutschen Schäferhund namens Rex. Ich kannte keine Hunde, nur wilde Tiere. Instinktiv bin ich vor ihm weggerannt, er verfolgte mich und biss in meine Wade.
Meine Gefühle waren heftig: „Du wurdest deiner Oma gestohlen, Deine Mutter will dich nicht in ihrem Haus und dann wirst du noch von einem Ungeheuer verfolgt.“ Mutter schickte mich auf ein Internat, dort sollte ich Englisch lernen. Vorher war ich mit einer Sprache im Busch groß geworden, deren Name mir unbekannt ist und die ich nicht mehr beherrsche. „Niemand versteht dich“, schimpfte meine Mutter.

Die ältere Nachbarin in Deutschland stärkte sie
Drei Jahre später, mit 13 Jahren, wurde ich geholt. Nach Ockholm in Nordfriesland. Noch ein Neuanfang. Als Teenager wollte ich immer ausreißen. Einfach loslaufen, mich in einen Graben legen und einschlafen, das war meine ziemlich konkrete Selbstmordfantasie. Wer mir in diesen Momenten half, war eine ältere Nachbarin, die im gleichen Haus lebte. Sie bekam die Situation mit meiner Mutter mit: das Schreien, die Schläge, die Kämpfe. Sie sagte immer, dass ich nicht aufgeben darf. „Kind, die Welt wurde dir nicht gegeben, damit du leidest, sondern Freude erlebst„“ sagte Anna-Elisabeth und hat mich damit unendlich gestärkt. So sehr, dass ich meine Tochter nach ihr benannt habe.
Am Tag, als ich Mutter wurde, verstand ich, dass kein Kind etwas dafür kann, dass es geboren wird. Kinder kommen unschuldig auf die Welt. Also war auch ich unschuldig gewesen. Vorher hatte ich nur Schuld gespürt. Dafür, dass ich überhaupt existierte. Dank meiner Mutter, die mir vorgeworfen hatte, dass ich ihre sportliche Karriere zerstört hätte. Sie wollte als Leichtathletin für Olympia trainieren, dieser Traum war mit ihrer Schwangerschaft geplatzt. Sie behauptete, dass ich gar nicht ihr Kind, sondern vertauscht worden sei. Obendrein läge ein Fluch auf mir. Es klingt komisch, aber der Glaube an einen Fluch half mir. Dafür konnte ich wenigstens nichts.
Die Großmutter ihres Freundes sagte: „Eine Weiße wäre mir lieber“
Als ich schwanger wurde, meldete sich ein starker Impuls: Ich muss meine Tochter vor meiner Mutter schützen. Hat auch geklappt. Heute lebt sie in London und hat ihre Enkelin kein einziges Mal gesehen. Mit meiner Tochter wollte ich alles besser machen. Dazu gehörte, dass ich mich von ihrem deutschen Vater kurz nach der Geburt trennte. Inzwischen ließ ich mir nichts mehr gefallen. „Eine Weiße wäre mir lieber für dich“, hatte seine Großmutter gesagt. Ein Satz wie ein Hieb. Auch von dieser Familie wurde ich ausgegrenzt. Selbst dem Kindesvater passierten rassistische Aussetzer, die ich nicht aushielt.
Als Kind spürte ich ein Gefühl der Schande, nach dem Motto: „Du hast es verdient zu leiden.“ Heute spreche ich aus, wie ich mich fühle. Ich habe gelernt, mutig zu sein. Präsent und laut. Aus mir ist eine Kämpfernatur geworden, denn ich weiß, dass ich überlebe. Auch ohne Wurzeln. Trotz Ausgrenzung. Die habe ich immer erlebt, ob von meiner Mutter, in der Schule oder in meiner Arbeit als Erzieherin. Eigentlich sehnte ich mich danach, zu einer Gruppe zu gehören, doch ich eckte ständig an. Dieser Umstand hat mich in die berufliche Selbständigkeit geführt. Ich bin sehr froh, als Tagesmutter in Glücksburg kleinen Kinder das Laufen beizubringen, denn ich habe eine Ahnung davon, wie wichtig eine sichere Bezugsperson im Wachstum sein kann.
Mit Baby im Bauch ändert sich alles
Es sind nie materielle Dinge, an denen ich wachse, sondern es sind Menschen und Erlebnisse. Außerdem glaube ich unerschütterlich an das Gute, denn immer gab es Menschen im Umfeld, die mich gestärkt haben. Um mich reich zu fühlen, muss ich nicht in den Süden fliegen. Viel wichtiger: Ich achte auf Geist und Seele, rühre keinen Alkohol an. Gefühle will ich nicht wegdrücken, sondern spüren. Meinem Körper gönne ich jeden Tag leckerstes Essen aus dem Bioladen. Das war einmal anders. Bis zu meiner Schwangerschaft kämpfte ich sieben Jahre lang mit Bulimie. Eine Form der Selbstzerstörung, ich wog damals 46 Kilo.
Mit Baby im Bauch änderte sich alles. Denn das, was ich mir selbst antue, würde ich fortan auch meinem Kind zufügen. Doch für sie wollte ich stark sein. Inzwischen ist sie 19 Jahre alt, hat ein Einser-Abitur abgelegt, wurde mehrfache Deutsche Meisterin im Hochsprung, Vize-Deutsche im Siebenkampf, wurde in den Bundeskader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes aufgenommen und studiert Jura. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie und mich.“
Dieses Geschichte könnte eine Inspiration sein, meinte eine Freundin und veröffentlichte Vera Ukuwreres Werdegang in einer Zeitschrift. Daraufhin folgte die Einladung in die SWR2-Talksendung „Nachtcafé“. Vera Ukuwrere erhielt nach der Ausstrahlung nicht nur Unmengen Zuschriften und Einladungen von fremden Menschen. Auch ein Literaturagent rief an und fragte, ob sie ihr Leben nicht in Buchform erzählen wolle. Vera zögerte, dann begann sie zu schreiben. Ein weiterer Schritt des Wachsens.
Vera Ukuwrere: „Wurzeln im Wind“ (erschienen im Bonifatius Verlag, 216 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3987900907)
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