Immer mehr Menschen geraten in extreme Weltanschauungen – sei es durch Verschwörungstheorien, Esoterik oder sektenähnliche Gruppen. Die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen will Betroffenen und Angehörigen einen neutralen Kompass bieten.
Demonstrantinnen auf einer Corona-Demo im Juni 2021. Foto: Adobe Stock / Tim
Freiburg. Während der Corona-Krise gleitet Rita* aus Südbaden immer weiter in die Querdenker-Szene ab. Sie chattet in einschlägigen Foren, lehnt es ab, eine Maske zu tragen und lässt sich nicht impfen. Sogenannte Mainstream-Nachrichten hält sie für manipuliert. Deutschland, da ist sie sich sicher, steuert direkt auf eine Corona-Diktatur zu. Ihre Sehnsucht: einfach weg aus diesem Schlamassel! Das Angebot einer Aussteigerkommune in Südamerika kommt für sie genau zur richtigen Zeit. Sie setzt alles auf die Zukunft in der Ferne, kündigt die Krankenkasse und investiert ihr Geld in ein Stück Land dort. In der neuen Heimat trifft sie auf Menschen, die denken wie sie. Sie hat einen eigenen Garten und versorgt sich selbst. Mit Mitte 50 scheint sie ihr Paradies gefunden zu haben. Doch dann erkrankt sie an Krebs. Und die Gemeinschaft, für die sie alles hinter sich gelassen hat, will sie nicht weitertragen.
Rita steht vor dem Nichts. Sie hat keine Reserven mehr, um die notwendigen Therapien zu bezahlen. Noch nicht einmal ein Rückflugticket nach Deutschland kann sie sich leisten. Völlig verzweifelt wendet sich Ritas Sohn in Freiburg an ZEBRA, die Abkürzung für Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Geleitet wird die vom Land Baden-Württemberg geförderte Einrichtung von der Sozialpädagogin Sarah Pohl. Die 47-Jährige mit blondem Pferdeschwanz, einen Ohrring im linken Ohr und wachem, zugewandtem Blick hat den Fall anonymisiert, um die Privatsphäre der Familie zu schützen. Sie erinnert sich noch gut an die Gespräche. Obwohl sie die krudesten Verschwörungstheorien von gefakten Mondlandungen, außerirdischen Echsenwesen, die Politik und Medien kontrollieren, oder Chips in Impfungen kennt: dieses Einzelschicksal ist noch einmal eine Nummer härter. „Man sieht, wie krass die Konsequenzen im Notfall sein können“, sagt Pohl.
Sarah Pohl: „Da ist ein ganzes Familiensystem geschädigt worden“
Sie hat den Hilfsdienst ZEBRA 2020 unter dem Dach eines hübschen Jugendstilbaus am Rand der Freiburger Altstadt aufgebaut. Ein unscheinbares Klingelschild, eine schmale Treppe hinauf in die erste Etage und schon steht man in Pohls Wirkungsstätte: hohe Decken mit Stuck, Dielenböden, zwei Büros, ein Besprechungszimmer. Es ist mit schlichten gelben und anthrazitfarbenen Polstermöbeln ausgestattet. Der Raum ist nicht überladen, die Einrichtung wirkt neutral-modern.
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