Immer mehr Menschen geraten in extreme Weltanschauungen – sei es durch Verschwörungstheorien, Esoterik oder sektenähnliche Gruppen. Die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen will Betroffenen und Angehörigen einen neutralen Kompass bieten.
Freiburg. Während der Corona-Krise gleitet Rita* aus Südbaden immer weiter in die Querdenker-Szene ab. Sie chattet in einschlägigen Foren, lehnt es ab, eine Maske zu tragen und lässt sich nicht impfen. Sogenannte Mainstream-Nachrichten hält sie für manipuliert. Deutschland, da ist sie sich sicher, steuert direkt auf eine Corona-Diktatur zu. Ihre Sehnsucht: einfach weg aus diesem Schlamassel! Das Angebot einer Aussteigerkommune in Südamerika kommt für sie genau zur richtigen Zeit. Sie setzt alles auf die Zukunft in der Ferne, kündigt die Krankenkasse und investiert ihr Geld in ein Stück Land dort. In der neuen Heimat trifft sie auf Menschen, die denken wie sie. Sie hat einen eigenen Garten und versorgt sich selbst. Mit Mitte 50 scheint sie ihr Paradies gefunden zu haben. Doch dann erkrankt sie an Krebs. Und die Gemeinschaft, für die sie alles hinter sich gelassen hat, will sie nicht weitertragen.
Rita steht vor dem Nichts. Sie hat keine Reserven mehr, um die notwendigen Therapien zu bezahlen. Noch nicht einmal ein Rückflugticket nach Deutschland kann sie sich leisten. Völlig verzweifelt wendet sich Ritas Sohn in Freiburg an ZEBRA, die Abkürzung für Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Geleitet wird die vom Land Baden-Württemberg geförderte Einrichtung von der Sozialpädagogin Sarah Pohl. Die 47-Jährige mit blondem Pferdeschwanz, einen Ohrring im linken Ohr und wachem, zugewandtem Blick hat den Fall anonymisiert, um die Privatsphäre der Familie zu schützen. Sie erinnert sich noch gut an die Gespräche. Obwohl sie die krudesten Verschwörungstheorien von gefakten Mondlandungen, außerirdischen Echsenwesen, die Politik und Medien kontrollieren, oder Chips in Impfungen kennt: dieses Einzelschicksal ist noch einmal eine Nummer härter. „Man sieht, wie krass die Konsequenzen im Notfall sein können“, sagt Pohl.
Sarah Pohl: „Da ist ein ganzes Familiensystem geschädigt worden“
Sie hat den Hilfsdienst ZEBRA 2020 unter dem Dach eines hübschen Jugendstilbaus am Rand der Freiburger Altstadt aufgebaut. Ein unscheinbares Klingelschild, eine schmale Treppe hinauf in die erste Etage und schon steht man in Pohls Wirkungsstätte: hohe Decken mit Stuck, Dielenböden, zwei Büros, ein Besprechungszimmer. Es ist mit schlichten gelben und anthrazitfarbenen Polstermöbeln ausgestattet. Der Raum ist nicht überladen, die Einrichtung wirkt neutral-modern.
Wie bei Rita sind es oft besorgte Angehörige oder Freunde, die bei ZEBRA anklopfen, weil Menschen aus ihrem Umfeld plötzlich so anders ticken. Wie eine Frau, die seit 30 Jahren verheiratet ist und befürchtet, dass ihr Mann von einem Guru manipuliert wird. Oder die erwachsenen Kinder, die entdecken, dass ihre Mutter für seltsame Orakeltechniken ein Vermögen hingeblättert hat, wie die 70-jährige Jutta*. Sage und schreibe drei Millionen Euro sind von ihrem Bankkonto über Jahre an verschiedene Heiler geflossen, erzählt Pohl. Immer wieder hat sie dafür Geschwister und Kinder angepumpt. „Da ist ein ganzes Familiensystem geschädigt worden“, berichtet Pohl, die dieses Schicksal ebenfalls anonymisiert hat.

Keine Einzelfälle: Die Leiterin von ZEBRA beantwortet mit ihrem Team jedes Jahr rund 600 Erstanfragen. Oft sind es Schulen und Jugendämter, die sich über spirituelle Praktiken, Sekten, die Querdenker-Szene oder Freikirchen informieren wollen. Darüber hinaus kommen auch Esoterik-Befürworter, die sich einen Rat über Risiken und Nebenwirkungen eines Angebots einholen. „Wir führen seriöse Test-Checks durch“ versichert Pohl. „Die meisten kontaktieren uns jedoch nicht so früh. Da spielt Scham eine Rolle und das Gefühl: Wie konnte ich so viel Geld ausgeben?“
Der Esoterikmarkt ist wie ein dichter, weit verzweigter Dschungel. Ständig sprießen neue Pflänzchen, und Trends wechseln in hohem Tempo. Schwur man gestern noch auf die Therapie des Reiki-Meisters, geht man heute zu Kakaozeremonien, denn rohe Kakaobohnen haben angeblich bewusstseinserweiternde Effekte. Eine unübersichtliche Szene mit jeder Menge schwarzer Schafe. Doch es gibt natürlich auch seriöse Angebote: Integre Coaches, so Pohl, machen keine unrealistischen Versprechen, legen ihren Kosten- und Zeitaufwand offen und kennen ihre Grenzen.
Sarah Pohl beschäftigt sich schon lange mit alternativen Therapien, parapsychologischen und religiösen Parallelwelten. Vor 16 Jahren hat die Diplompädagogin ihre Dissertation über Kinder, die in Zeugen-Jehova-Gemeinschaften hineingeboren wurden, abgeschlossen. Ihr Interesse an Okkultem fing jedoch bereits früher an. „Mich hat schon immer die Frage fasziniert, warum Menschen glauben und was sie glauben“, erzählt sie. Eigentlich, so dachte sie zunächst, habe sie sich über Jahre ein Inselwissen angeeignet. „Was kann ich damit machen?“, hatte sie wenig Hoffnung, ihre Kenntnisse irgendwann einmal in der Praxis anzuwenden. Doch heute ist sie eine gefragte Expertin, wenn es um Freikirchen, esoterische Angebote oder Verschwörungstheorien geht. Sie hat mehrere Bücher dazu geschrieben und gibt Interviews für Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen.
Erste Anfragen kreiste alle um Corona
Dass die Freiburger Beratungsstelle sofort durchstartete, verdankt sie Corona. ZEBRA eröffnete eine Woche vor dem ersten Lockdown – ein Zufall, denn die Pläne zur Gründung sind schon wesentlich älter. „Wir wurden sehr schnell überrannt“, erinnert sich Pohl an die Anfangsphase. Die Anfragen kreisten vor allem um das neue Virus: Wir streiten uns am Familientisch, meine Eltern sagen, ich soll mich nicht impfen lassen, mein Onkel behauptet, Corona gibt es gar nicht – viele Hilferufe zu einem Thema. „Wir waren damals die einzige zivilgesellschaftliche Anlaufstelle in Baden-Württemberg, die kostenlose Beratung anbot“, erklärt sich Pohl den Zulauf. Zwar leisteten auch die Kirchen gute Arbeit, doch würden sie oft als weltanschauliche Institutionen und als nicht unabhängig betrachtet. Einige andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Berlin bieten ebenfalls überkonfessionelle Angebote.
Inzwischen haben sich die Beratungsschwerpunkte von ZEBRA wieder verschoben. Im Jahresbericht von 2025 landen die Anfragen zu Esoterik auf Platz eins, gefolgt von den Aussteigern aus der evangelikalen Szene und erst auf Platz drei liegen die Verschwörungstheorien. Baden-Württemberg gilt als Hochburg von Esoterikern und Querdenkern. Das liege daran, so Pohl, dass es dort einen vergleichsweisen hohen Wohlstand gebe sowie ausgeprägte regionale Trends und Traditionen. “Das Pietistische rund um Pforzheim und die Öko-Szene in Freiburg, die sich ein Stück weit mit der Esoterik-Szene vermischt haben”, nennt sie Beispiele. Die drei Millionen Euro Verlust, die Klientin Jutta an ominöse Heiler verschleuderte, sind zwar ein Extremfall, doch der Markt ist dennoch riesig. Schätzungen zufolge liegt der Umsatz von esoterischen Dienstleistungen und Produkten in Deutschland jährlich in zweistelligen Milliarden-Bereich, Tendenz steigend.
Unmittelbar Betroffene wie Rita oder Jutta halten sich oft nicht für beratungsbedürftig, selbst wenn sie massiv manipuliert sowie psychisch und materiell ausgebeutet werden. Sie bekommen meist von ihren Angehörigen die Pistole auf die Brust gesetzt. Nach dem Motto: „Entweder du kommst mit oder ich trenne mich von dir. Die bei ZEBRA sagen dir dann mal, was richtig und falsch ist“, erzählt Pohl und muss ein bisschen schmunzeln. „Das ist überhaupt nicht unser Auftrag“, betont sie. Ihre Anlaufstelle erkennt die Religions- und Meinungsfreiheit an und möchte als Dolmetscher agieren. Bei den Gesprächen sollen Paare zum Beispiel ausloten, ob sie trotz unterschiedlicher Meinungen zusammenbleiben können. Wie kann das Trennende unbedeutender werden und wie kann man die Ängste des Anderen besser verstehen? Bei solchen Konflikten will Pohl Brückenbauerin sein. Ihre Mission: im Kleinen versuchen, Gräben zu überwinden, die im Großen unüberwindbar erscheinen.
Pohl nimmt sich viel Zeit, um ruhig und sachlich klarzumachen, wie wichtig ihr Toleranz ist. Es ist schwer vorstellbar, dass sie in Diskussionen jemals laut oder emotional werden könnte. Trotzdem ist sie immer wieder Zielscheibe von Hasskommentaren. Darüber regt sie sich nicht groß auf. „Wenn sie nicht komplett anonym sind, laden wir trotzdem zu Gesprächen ein. Ich finde es wert, diesen Menschen zuzuhören“, versichert sie. Nur wenn jemand herumbrüllt und beleidigend wird, beendet sie den Kontakt.
Ob Rita in Südamerika einen Ausweg findet, weiß Pohl nicht. Eine Lösung für die prekäre finanzielle Lage hat sie nicht. Dem Sohn riet sie, der Mutter weiterhin zur Seite zu stehen, auch wenn er deren Verhalten und ihre Ansichten nicht nachvollziehen kann. “Alle Aussteigenden, die wir fragen, was sie sich rückblickend gewünscht hätten, antworten: Menschen, die mit mir im Kontakt geblieben wären, obwohl ich auf einem religiösen Trip war”, berichtet sie.
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