Erfolg in Familien – wie Eltern den Grundstein für Karriere legen

Was machen Familien von erfolgreichen Kindern anders als andere? Foto: Adobe Stock / peopleimages.com Interview, woman or people in office with handshake for recruitment, financial agreement or contract. Employer, job candidate or shaking hands in workplace with smile, onboarding or finance approval

Warum haben in manchen Familien gleich mehrere Kinder Top-Karrieren? Liegt es an der Erziehung, am Elternhaus – oder am Wettbewerb unter Geschwistern? Ein Versuch, die Formel hinter familiärem Erfolg zu entschlüsseln.

Berlin. Drei Schwestern, drei Traumkarrieren: Susan, Anne und Janet Wojcicki. Die Älteste wurde YouTube-CEO, die Mittlere gründete ein Unternehmen für Gentests, die Jüngste ist Professorin für Pädiatrie und Epidemiologie an der University of California, San Francisco. Die drei Schwestern wurden sogar mit jeweils einer eigenen Barbie geehrt – als Role Models für Frauen in MINT-Fächern.

So viel Erfolg in einer Familie – kann das Zufall sein? Diese Frage beschäftigte die „New York Times“-Journalistin Susan Dominus, selbst Mutter von Zwillingssöhnen. Sie befragte fünf weitere Familien mit erfolgreichen Geschwisterkindern, um herauszufinden, welche Prozesse dazu beigetragen haben könnten, dass solche außergewöhnlichen Lebenswege möglich wurden. In ihrem Buch „The Family Dynamic. A Journey into the Mystery of Sibling Success“ (Penguin) porträtiert sie diese Familien.

Erziehung, Vorbilder, Vertrauen

Wie streng oder locker erzogen die Eltern ihre Kinder? Welchen Einfluss hatten die älteren Geschwister auf die jüngeren? Dominus formuliert keine allgemeingültige Erfolgsformel, vielmehr stellt sie sechs individuelle Familienkonzepte vor. Was diese Familien miteinander verbindet: Neugier und Optimismus der Eltern – und die Fähigkeit, den Kindern Raum zur Entwicklung zu geben, sie in ihrer Autonomie zu bestärken und zugleich die eigene zu bewahren.

Wenn die Eltern etwa viel arbeiten mussten, um in den USA nach der Einwanderung erst einmal Fuß zu fassen, trauten sie ihren Kindern zu, sich selbst im Alltag zu organisieren. So schildert Dominus das Beispiel einer chinesischen Einwandererfamilie, die ein Restaurant eröffnete, nahezu rund um die Uhr arbeitete – und dennoch vier Kinder großzog, die später Elite-Colleges besuchten und Karrieren in Technologie und Medizin machten. Natürlich bekamen diese Kinder Hilfestellung, doch dies geschah im festen Glauben daran, dass der Nachwuchs klarkommt – ein Vertrauensbonus, der sich auszahlt.

Der Psychologe Andrew J. Fuligni von der University of Michigan untersuchte die akademischen Leistungen von Jugendlichen aus Einwandererfamilien und stellte fest, dass sie bessere schulische Leistungen erbringen als einheimische Schüler – nicht allein wegen sozioökonomischer Faktoren, sondern auch durch die starke Betonung von Bildung durch Eltern, Peers und die eigene Motivation.

Erfolgs-Cluster – Wenn Talent in Familien liegt

Schaut man im Fall der drei MINT-Erfolgsschwestern auf die Eltern, scheint den Töchtern das Talent auch genetisch in die Wiege gelegt. Ihr Vater George Stanley Wojcicki floh als Teenager mit seiner Familie als jüdisch-polnischer Emigrant in die USA und wurde später ein mehrfach ausgezeichneter Physiker und Professor an der Stanford University. Die Mutter Esther, jüdisch-russischer Abstammung, gilt als Amerikas bekannteste Lehrerin und berät die US-Regierung in Bildungsfragen – sie erzog ihre drei Töchter mittels Feedback statt mit Bestrafung.

Vererben sich sogenannte „Erfolgs-Cluster“, also die auffällige Häufung von beruflichem, akademischem oder gesellschaftlichem Erfolg in bestimmten Familien oder über Generationen hinweg? Berühmte Beispiele wie die Familie Bach mit mehreren bedeutenden Musikern, die Familie Mann mit mehreren Schriftstellern, ebenso die Brontë-Schwestern, die Kennedys in der Politik oder Schauspielfamilien wie die Skarsgårds legen diesen Verdacht nahe.

Langzeitstudien wie der National Longitudinal Survey of Youth (NLSY), eine seit Jahrzehnten laufende US-Studie zur Lebens- und Bildungsentwicklung junger Menschen, zeigen, dass Kinder aus Akademiker- oder Unternehmerfamilien mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit selbst erfolgreich werden. Neben genetischen spielt auch die kulturelle Transmission eine Rolle – also die Weitergabe von Werten, Normen und Bildungsidealen über Generationen. Erfolgreiche Familien verfügen über ein hohes Maß an sozialem Kapital – etwa durch Netzwerke und Kontakte –, über finanzielles Kapital, das Investitionen in Bildung, Sicherheit und Gesundheit ermöglicht, sowie über symbolisches Kapital, das sich in Anerkennung und gesellschaftlichem Status zeigt.

Bei den Wojcicki-Schwestern spielte auch der Zufall eine Rolle: 1998 mieteten ein gewisser Larry Page und Sergey Brin eine Garage im kalifornischen Menlo Park – die Garage von Susan Wojcicki. Die beiden Männer gründeten dort Google, und Susan stieg 1999 als erste Marketingmanagerin bei dem Start-up ein. Sergey Brin, einer der Google-Gründer, heiratete später Anne Wojcicki. Ein amerikanischer Traum: von der Garage zum mächtigen Tech-Unternehmen.

Wenn Geschwister sich gegenseitig antreiben

Susan Dominus betont, dass der Einfluss älterer auf jüngere Geschwister zwar nicht zwangsläufig, aber deutlich nachweisbar ist. Studien zeigen, dass jüngere Geschwister häufig dem Beispiel der Älteren folgen – etwa bei der Wahl der Universität. Entscheidend sei weniger das Talent, sondern das Vorbild. Gelingt es einer Familie, die Bildungschancen eines Kindes zu verbessern, profitiert oft die ganze Geschwisterreihe – ein „Trickle-down-Effekt“ innerhalb der Familie.

Ältere Geschwister können jüngere mitreißen – durch ihre Vorbildfunktion, aber auch durch ihre Kontakte und ihr Selbstbewusstsein. Solche Eigenschaften können sich die Jüngeren abschauen und nachahmen. Oder aber, sich abgrenzen und einen anderen Weg wählen. So wie bei Familie Groff, die Susan Dominus ebenfalls in ihrem Buch vorstellt: Sarah ist Triathletin, Weltmeisterin im Aquathlon und zweifache Olympiastarterin. Bruder Adam ist Professor, Internist und Gründer eines MedCare-Unternehmens.

Die jüngste Schwester, Susan, wurde Bestsellerautorin; eines ihrer Werke zählte Barack Obama zu seinen Lieblingsbüchern des Jahres. Als Kind ging sie täglich in die Bibliothek und las alles – von „Der Hobbit“ bis „Stolz und Vorurteil“. Sie sagte später, dass sie das meiste damals nicht verstanden habe, aber in die Sprache und Sensibilität eingetaucht sei, und genau das habe gezählt. Obwohl sie früh wusste, dass sie Schriftstellerin werden wollte, brauchte es Mut, sich das selbst und anderen einzugestehen. 2024 wurde sie vom „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Menschen gezählt.

Was haben ihre Eltern alles richtig gemacht? Im Buch wird eine Episode geschildert: Der Vater öffnete nach dem letzten Schnee des Jahres die Abdeckung des Pools, dessen Wasser von einer dünnen Eisschicht überzogen war. Die Kinder trugen Badesachen; im Pool schwammen Algen, Schlamm oder auch mal ein toter Frosch. Der Vater forderte sie auf, hineinzuspringen – wer es länger als eine Minute aushielt, bekam einen Dollar. Die Kinder sprangen hinein, schrien, lachten, standen still – mit blauen Fingern, aber mit Ehrgeiz, in der Hoffnung, die Geschwister würden eher aufgeben.

Solche spielerischen Wettbewerbe bauten die Eltern immer wieder in den Alltag ein. Gleichen solche Erfahrungen einem frühen Resilienztraining? Entscheidend sei laut Jugendpsychiater Jakob Hein, dass Herausforderungen bewältigbar bleiben und Kinder lernen, mit Rückschlägen umzugehen: „Es gibt genetische Voraussetzungen, doch entscheidend ist vor allem, wie jemand aufwächst. Wird mir vorgelebt, dass Herausforderungen positive Lernerfahrungen sein können und in der Regel zum Erfolg führen?“ Das passt zum Konzept der „Zone der nächsten Entwicklung“, deren Kernbotschaft lautet, dass Kinder am besten lernen, wenn sie Aufgaben bearbeiten, die knapp über ihrem aktuellen Können liegen.

Geschwisterdynamik und Differenzierung

Die Groff-Kinder wuchsen nun in einer Atmosphäre auf, die von Tatkraft, Bewegung und Anstrengung geprägt war. Die Eltern setzten sich ehrgeizige Ziele für sich selbst; die Kinder standen nie im Mittelpunkt. Dominus vermutet, dass sich die Geschwister so unterschiedlich entwickelt haben, weil die allgemeine Intensität des Familienlebens sie dazu anregte, eigene Wege zu suchen: „Die Differenzierung könnte als eine Art Zuflucht vor den Herausforderungen des Erwachsenwerdens in einer Familie dienen, in der so viel Talent und mentale Stärke zusammenkommen“. Man sucht sich neue Maßstäbe, um nicht verglichen zu werden.

Dieses Phänomen passt zur Theorie der Geschwisterdifferenzierung, die erklärt, warum Kinder in derselben Familie oft unterschiedliche Rollen und Persönlichkeitsausprägungen entwickeln. Die Psychologin Jeanine M. Vivona beschreibt in ihrer Studie „Sibling Differentiation“, dass Kinder sich abgrenzen, um eine eigene Identität zu etablieren – durch verschiedene Interessen, Temperamente und Ziele.

Geld, Chancen, Timing

Warum Geschwister so unterschiedliche Lebenswege gehen, hängt auch mit der finanziellen Situation der Familie zusammen. Untersuchungen zeigen, dass Eltern der Mittelschicht und einkommensschwache Familien dazu neigen, mehr in das Kind zu investieren, das sie für am talentiertesten halten – etwa durch gezielte Förderung und Zusatzkurse oder den Besuch einer Privatschule. Wohlhabendere Familien fördern dagegen eher das lernschwächere Kind, um ihm beim Aufholen zu helfen.

Die finanziellen Mittel von Familien schwanken – Trennung, Umzug oder Jobverlust können beeinflussen, welches Kind in welcher Phase mehr Unterstützung erhält. Doch die Verbindung zwischen Geld und Erfolg ist keine Gesetzmäßigkeit, betont der Soziologe Norbert F. Schneider. „Bei erfolgreichen Eltern und Geschwistern kann auch das genaue Gegenteil der Fall sein.“

Denn Kinder reagieren auf Vorbilder unterschiedlich – mit Nachahmung oder Reaktanz: „Kinder mit beruflich sehr erfolgreichen Eltern, die ständig unter Stress stehen und nie Zeit haben, können genau das Gegenteil entwickeln. So können sie zu dem Schluss kommen, ein solches Leben auf gar keinen Fall führen zu wollen“, erklärt der Professor für Soziologie und Autor des Buches „Mut tut gut. Warum wir unseren Kindern mehr zutrauen können“ (Harper Collins).

Welchen Einfluss hat die Geburtsreihenfolge?

Anders als oft vermutet – etwa die Annahme, Erstgeborene seien verantwortungsbewusster und gewissenhafter, während Jüngere als risikofreudiger und kreativer gelten – spielt die Geschwisterreihenfolge offenbar keine nachweisbare Rolle. Das zeigt eine Studie der Sozialpsychologen Rodica Damian und Brent Roberts von der University of Houston, die rund 300.000 US-Amerikaner befragten. Ihr Ergebnis: Die Position innerhalb der Geburtsreihenfolge hat keinen signifikanten Einfluss auf Persönlichkeitsmerkmale.

Eine weitere Untersuchung, durchgeführt von der dänischen Ökonomin Anne Ardila Brenøe, konzentrierte sich auf erstgeborene Töchter mit einem jüngeren Bruder oder einer jüngeren Schwester und deren Berufswahl. Ergebnis: Frauen mit jüngerem Bruder wählen häufiger klassische Frauenberufe und entscheiden sich bevorzugt für Partner mit „Männerberuf“. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im besser bezahlten MINT-Bereich tätig werden, ist um rund sieben Prozent geringer als bei Frauen mit jüngerer Schwester. Auch beim Einkommen zeigt sich ein Unterschied: Frauen mit Brüdern verdienen im Schnitt weniger.

Als Ursache für diesen Zusammenhang sieht Brenøe Hinweise darauf, dass Eltern mit Tochter und Sohn eher zu einer „geschlechtsspezifischen“ Erziehung neigen. Die Dynamik zwischen den Geschwistern selbst spielte dagegen keine Rolle. Brenøes Fazit: Um Chancengleichheit der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen, muss die Entwicklung einer Geschlechteridentität bereits im Elternhaus beginnen.

Weitere Forschungsergebnisse zeigen, dass Eltern auch ohne Hochleistungsanspruch die Weichen für Erfolg stellen können. Dominus fasst zusammen, dass es hilfreich sei, hohe, aber realistische Erwartungen zu formulieren und gleichzeitig Unterstützung zu bieten. Eltern sollten ihren Kindern den praktischen Wert von Kursen vermitteln, die berufliche Perspektiven eröffnen – etwa in Mathematik oder Naturwissenschaften. Auch ein Umfeld, in dem Kinder hochgebildeten Vorbildern begegnen können, beispielsweise in einer Universitätsstadt oder einem innovativen Milieu, kann förderlich sein.

Wichtig sei aber vor allem, den Kindern Freiraum zu lassen. Zu fürsorgliche Eltern können durch ihre Überkontrolle die Selbstständigkeit und Resilienz ihrer Kinder beeinträchtigen. „Kindern von Helikoptereltern fehlt es oft an sozialer Kompetenz und Eigeninitiative, sie haben Probleme, ihre Bedürfnisse zu äußern, und können ihre Begabungen nicht voll entfalten“, warnt Stephan Bender, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Köln.

Zwischen Einfluss und Zufall

Susan Dominus nennt das Beispiel einer Mutter, die einen erfolgreichen Unternehmer und zwei Ärzte in Führungspositionen an großen Krankenhäusern großgezogen hat. Auf die Frage, was sie richtig gemacht habe, antwortete sie schlicht: Sie habe ihre Kinder „nicht gebrochen“. Eltern überschätzen leicht ihren Einfluss, meint Sozial- und Persönlichkeitspsychologin Rodica Damian: „Welche Freunde man als Heranwachsender hat, mit welchen Gleichaltrigen man sich umgibt, das ist wichtiger für die Persönlichkeit und die Entwicklung als die Eltern“.

Viele Faktoren prägen die Entwicklung eines Kindes: Freundschaften, Wohnort, Lehrer, das Umfeld. Aber: keine der vorgestellten Familien überbehütete ihre Kinder. Im Gegenteil, sie förderten deren Selbstständigkeit – gaben ihnen konkrete Aufgaben und genügend Freiraum. Zugleich bleibt der Faktor Glück. Nicht alles lässt sich planen, schon gar nicht bei Kindern. Der Soziologe Schneider fasst zusammen: „Familie ist nur ein Faktor neben vielen anderen, die die kindliche Entwicklung und den Bildungs- und Berufserfolg der Kinder moderieren“.

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