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Ghosting in der Arbeitswelt: Wenn niemand mehr absagt
Ghosting ist nicht nur schlechter Stil in privaten Beziehungen – immer mehr Unternehmen, aber auch Stellensuchende klagen über diese Form der Nichtkommunikation.
Zuhören, Anerkennung schenken und über Arbeitsrechte aufklären: Das ist das Ziel der sogenannten LKW-Seelsorge. Zu Besuch auf einem besonderen Fest an der A81
Die hellgelbe Autobahnkapelle an der Raststätte Hegau West wirkt vor dem knallblauen Himmel an diesem Herbsttag friedlich und einladend. Auf der Autobahn 81 zwischen Stuttgart und Singen sausen nebenan Autos und LKW im Eiltempo vorbei, während hier heute ein ganz besonderes Event vorbereitet wird.
Die ökumenische Emmauskapelle ist nämlich der Treffpunkt für rund 40 Ehrenamtliche, die ein großes Fest für die an diesem Wochenende hier gestrandeten LKW-Fahrer organisieren. Heike Gotzmann, Referentin Betriebsseelsorge bei der Diözesanstelle Bodensee-Hohenzollern in Singen, hat gemeinsam mit ihrem Team alles im Vorfeld koordiniert. Jetzt begrüßt sie jeden einzelnen mit einem warmen Lächeln, verteilt blaue „Lenkpause“-Shirts und gelbe Warnwesten – „damit man uns später auch erkennt“, sagt sie.
Nach einer kurzen Rücksprache, wer von den ehrenamtlichen Übersetzern, Russisch, Polnisch, Ukrainisch, Rumänisch oder Bulgarisch spricht, teilt sie die Helferinnen und Helfer in Teams ein, die jeweils auf die West- und die Ost-Seite der Autobahnraststätte ausströmen. Das Ziel: „Wir wollen nicht missionieren und uns nicht aufdrängen, sondern dieser wichtigen Berufsgruppe einfach mal danke sagen“, sagt Gotzmann. Denn ob Gemüse, Toilettenpapier oder Medikamente – mindestens ein Drittel aller Produkte des täglichen Bedarfs wird in Lastkraftwagen befördert. Rund 3,3 Milliarden Tonnen Güter, Bau- und Zulieferermaterialien rollen pro Jahr laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) über deutsche Straßen. „Und zu verdanken haben wir diese Verfügbarkeit auch den Fahrern, die oft unbeachtet täglich ihren Dienst machen“, sagt Gotzmann.
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Ins Leben gerufen wurde die LKW-Seelsorge im Hegau vor rund zehn Jahren vom ökumenischen Netzwerk „Kirche und Arbeitswelt im Hegau“. Aus zahlreichen Gesprächen der Lenkpause-Events kennt Organisatorin Gotzmann die Nöte und Sorgen dieser Berufsgruppe genau: „Sie stehen meist enorm unter Zeitdruck, sind oft monatelang von ihren Familien getrennt, haben kaum Ruheorte oder Zeit für Arztbesuche. Und selbst die sanitären Bedingungen an deutschen Rastplätzen lassen zu wünschen übrig“, sagt sie, „wenn jeder Toilettengang und jede Duschmöglichkeit ein paar Euro kostet, ist das für viele nicht stemmbar!“ Hegau-West sei eine Vorzeige-Raststätte, aber viele kleinere Stellmöglichkeiten seien durch das Wochenend-Fahrverbot gerammelt voll und böten teilweise nicht einmal Toiletten.

„Hier ist die Politik gefragt und unsere Aufgabe sehen wir mit darin, auf diese Missstände aufmerksam zu machen“, so Gotzmann. Unermüdlich schildern sie und andere engagierte LKW-Seelsorger in Briefen an Verkehrs- und Sozialminister die Missstände. Außerdem bietet sie Interessierten bundesweit ihre Unterstützung an, um Lenkpausen auch in ihren Regionen stattfinden zu lassen. „Unsere Vision: Die Lenkpause soll wachsen und sich deutschlandweit als Nächstenliebe-Marke für die vergessenen Helden der Straße etablieren!“
Heute will das Team kunterbunt all diese Mängel gleichzeitig angehen: Neben Duschgutscheinen, die jeder der Fernfahrer an diesem Wochenende an der Raststätte einlösen kann, sollen die Ehrenamtlichen auch Broschüren zu Arbeitsrecht (über faire-mobilitaet.de), spontan erreichbare Arztpraxen für Fernkraftfahrer (über DocStop.eu) – und heute als besonderes Extra eine Einladung zum „Lenkpause“-Sommerfest am Nachmittag verteilen.
Der ungläubige Gesichtsausdruck weicht einem zahnlosen Lachen
Eine der Übersetzerinnen und Helferinnen an diesem Tag ist Anastasiia Korchynska (36) aus Engen. Sie kam selbst erst 2022 nach Beginn des russischen Angriffskrieges aus der Ukraine nach Deutschland. „Als ich 2023 erfahren habe, dass die Seelsorgeeinheit Übersetzer sucht, habe ich sofort ja gesagt“, erinnert sie sich, „wir wurden so herzlich empfangen, haben schnell Hilfe und Sprachunterricht bekommen – ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Die junge Frau strahlt so viel Lebensfreude aus. Sie spricht Ukrainisch und das in vielen osteuropäischen Ländern verbreitete Russisch.
Korchynska schnappt sich einen Umschlag mit Gutscheinen und Broschüren und steuert die erste Reihe LKW an. „Heute ist es hier viel voller als die letzten Jahre“, sagt sie, „sicher über 200 Fahrzeuge!“ Zwischen den LKW, die dicht an dicht stehen und gerade mal knapp die Fahrertüre aufbekommen, um auszusteigen, hängen Hosen und T-Shirts an provisorisch gespannten Wäscheleinen. Es ist still und menschenleer. Vor den Kühlergrills stehen benutzte Mini-Pfannen neben Gaskochern. Zeichen von Alltagstrott mit einfachsten Mitteln. Fast alle Fahrerkabinen sind an diesem Nachmittag abgedunkelt. Eine dicke Plane im Inneren soll die Kabine vor der Sonne schützen. Denn auf den rund sechs Quadratmetern im Inneren spielt sich alles ab: Neun Stunden am Tag fahren, vorbei an Lärmschutzwänden und Autobahnkreuzen, von einem Stau in den nächsten. Und abends auf der gerade einmal 60 bis 80 Zentimeter breiten Liegefläche hinter dem Sitz schlafen.

An der ersten Fahrerkabine angelangt, streckt sich Anastasiia Korchynska in die Höhe und klopft am Fahrerfenster an. Nichts. „Vielleicht schläft er und hat eine harte Schicht hinter sich. Wir versuchen es später nochmal“, sagt sie schulterzuckend. Beim zweiten Brummi hat sie mehr Glück. Die Abdunkelungsplane wird von innen beiseitegeschoben, dann öffnet sich die Türe. Heraus schaut ein rund 60 Jahre alter Fahrer mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Er sieht erschöpft aus, nickt, als Korchynska fragt, ob er Russisch verstehe. Sie reicht ihm den Duschgutschein und die Einladung zum Sommerfest. Sobald er versteht, dass niemand etwas von ihm haben will, sondern ihm ganz ohne Erwartungen gegeben wird, hat er ein breites, dankbares Grinsen im Gesicht. Er hält Gutschein und Einladung fest in beiden Händen und schaut sie ungläubig an. „Warum macht ihr das?“, fragt er. Und Korchynska antwortet: „Weil wir Euch LKW-Fahrern danke sagen möchten. Ihr tut so viel für die Gesellschaft, versorgt uns alle täglich mit Produkten. Wir freuen uns, wenn Sie nachher zum Fest kommen – es gibt Pizza und Livemusik, alles gratis.“ Sein freudiges Lachen offenbart, dass er kaum mehr Zähne im Mund hat. Dankbar legt er seine Hand auf die der Übersetzerin. Überall auf dem Rastplatz sind ähnliche Szenen zu sehen.
Eine Mahlzeit teilen – das öffnet Herzen
Um 16 Uhr geht das Fest los: Auf einer kleinen Grünfläche wurden schattenspendende Pavillons und Stehtische aufgestellt, eine Liveband spielt heitere Musik, kühle Getränke und vegetarische Pizza, die gerade dampfend-heiß angeliefert wurde, stehen bereit. „Ich bin gespannt, wie viele kommen“, sagt Heike Gotzmann, während sie die Pizza auf Papptellern verteilt, „manchmal sind die Fahrer etwas scheu.“ Doch dann trudeln immer mehr ein. Freudestrahlend nehmen sie Pizzastücke entgegen, suchen sich ein Plätzchen. Anfangs schüchtern – weil plötzlich aus ihrer Einsamkeit gerissen – tauen sie nach und nach auf und kommen mit anderen Fahrern und den Ehrenamtlichen ins Gespräch. Eine Gruppe Fahrer erzählt sich auf Rumänisch lautstark Geschichten an einem Stehtisch. Übersetzerinnen und ukrainische Fahrer lachen gemeinsam auf einer Bank. Stolz überreicht einer der Fahrer eine Hackfleisch-Teigtasche als Mitbringsel, das seine Frau ihm als Wegproviant aus der Heimat mitgegeben hat. Jeder am Tisch zupft ein Stückchen ab und darf probieren. Zusammenkommen, eine Mahlzeit teilen – das öffnet die Herzen.
„Wenn man die Menschen dahinter kennenlernt und fühlt, wie viele Entbehrungen und einsame Stunden sie für unser aller Versorgung in Kauf nehmen, dann regt man sich weniger über Brummirennen auf der Autobahn auf“, sagt Xaver Müller (73) aus Radolfzell sichtlich berührt. Seit rund zehn Jahren ist er in der LKW-Seelsorge aktiv, verteilt an Ostern und Weihnachten Schokolade, schenkt Zeit, nette Worte und ein offenes Ohr. „Es sind sehr berührende Begegnungen“, sagt Müller. Manche Fahrer berichten, dass sie ihr acht Monate altes Baby noch nie im Arm gehalten haben. Andere schaffen es aufgrund von Termindruck nicht zur Beerdigung ihrer Mutter, verbringen Geburtstage und die wichtigsten Festtage mit Tütensuppen und Bier einsam in der Fahrerkabine.

„Meine Familie sehe ich einmal pro Jahr“
„Ich bin sehr oft alleine“, sagt zum Beispiel Moses Y. (36) an einem der Stehtische. Der Mann aus Simbabwe fuhr in seinem Heimatland schon rund zehn Jahre LKW. Seit zwei Jahren rollt er für eine litauische Firma rund 11.000 Kilometer monatlich über europäische Straßen. „In Afrika habe ich eine Frau und drei Kinder – sechs, neun und 16 Jahre alt. Die sehe ich jetzt nur noch einmal pro Jahr“, sagt er mit traurigen Augen und schüttelt den Kopf, „aber es ist gutes Geld, das meiner Familie hilft!“ Rund sechs Mal so viel verdiene er in Europa wie in seinem Heimatland. So geht es auch seinem Freund und Landsmann Edmore Z. (34), der zwei Kinder (7 und 13 Jahre alt) in Simbabwe zurückgelassen hat: „Unsere Kinder sollen mal ein besseres Leben haben!“ In traurigen Stunden schenken immerhin Videoanrufe Trost.
An einem der Stehtische steht eine Frau in Jogginghose und gemütlichen Hausschuhen und beißt in ein Stück Pizza. Sie heißt Yarva Y. (37) und begleitet ihren Mann Ivan Y. (44), der seit 23 Jahren LKW fährt. „Wir haben einen 18-jährigen Sohn und uns viele Jahre nur alle drei Monate gesehen“, sagt Yarva. Seit ihr Sohn größer sei, fahre sie regelmäßig mit: „Weil wir zusammen sein wollen“, sagt sie. Und er ergänzt: „Ich war früher so oft traurig und einsam!“ An den Wochenenden können sie so zusammen einkaufen und spazieren, ein bisschen die Fernblicke, die Ehe und Normalität im Leben auf der Autobahn leben. ***
INFOKASTEN: Kirche und Arbeitswelt Hand in Hand
Die Lenkpause wurde vom Netzwerk „Kirche und Arbeitswelt“ im Kreis Konstanz vor rund zehn Jahren ins Leben gerufen. Mittlerweile findet die Lenkpause auch regelmäßig an der A5 südlich von Freiburg sowie in Baden-Baden statt (Infos: www.lenkpause.de).
Oft mit an den Events vertreten ist das Beratungsnetzwerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes „Faire Mobilität“, das die Fernkraftfahrer mit Flyern und mehrsprachigen Hotlines über ihre Arbeitsrechte wie Mindestlohn und Pausenzeiten informieren möchte – und Fahrer bei unfairer Behandlung durch ihre Arbeitgeber unterstützt (Infos: www.faire-mobilitaet.de ).

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