Der Burgretter: Zwischen Tradition und uralten bröckelnden Mauern
Mit ihren Zinnen, Erkern und Türmen wirkt die Burg Hornberg wie aus einem Mittelalterspiel. Ihr Besitzer, der Freiherr Dajo von Gemmingen-Hornberg, lebt dort mit seiner Familie und einer Aufgabe, die ihn fast an den Rand des Ruins gebracht hätte.
Die Burg Hornberg von oben. Foto: Kottal Fotografie
An diesem Dienstagmorgen erinnert der Innenhof an eine Idylle aus einem alten Heimatfilm. Der Brunnen plätschert, Vögel zwitschern, sonst herrscht Stille. Selbst das Brummen im Tal, das einen beim Aufstieg noch begleitet hat, schirmen die dicken Ringmauern ab. Dajo von Gemmingen-Hornberg schlendert gelassen aus der unteren Burg heraus, die er mit seiner Familie bewohnt. „Bei dieser Hitze kommen weniger Besucher“, sagt er mit badischem Einschlag und klingt fast schon entschuldigend.
Der 63-Jährige passt nicht in das Bild des Adeligen in teurem Tuch. Mit seinem karierten Hemd und der kurzen Hose wirkt er so unprätentiös wie ein Mittelständler, der gerade noch ein paar Kontoauszüge sortiert hat. Vielleicht hat er das sogar getan. Er ist ein Pragmatiker, für den jeder Gast zählt und jedes Andenken, das im Burg-Shop über die Ladentheke geht. Denn Romantik und Geschichte allein erhalten keine Burg.
Auch nicht die 900 Jahre alte Burg Hornberg im nordbadischen Neckarzimmern. Sie besteht aus zwei Teilen. Oben ist nur eine Ruine erhalten, unten wohnt die Familie hinter drei Meter dicken Mauern. Berühmt ist die Anlage durch Götz von Berlichingen. Der Ritter verbrachte hier den Großteil seines Lebens – von 1517 bis zu seinem Tod 1562. Das Burgmuseum, das sich im früheren Schafstall befindet, lässt diese Ära Revue passieren.
Burg Hornberg ist Pilgerziel für Germanisten
Es verwahrt die Originalrüstung des berühmtesten Bewohners und eine Beschreibung seiner eisernen Hand. Deren Finger ließen sich mechanisch bewegen, für das 16. Jahrhundert eine technische Sensation. Hinter Vitrinenglas liegt ein weiteres Schriftdokument: die erste Auflage von Berlichingens Biografie, die ein Pfarrer noch in dessen Beisein geschrieben hat. Sie diente Goethe als historische Stütze für sein Drama („Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“, 1773), durch das die Burg in die Weltliteratur einging. Hornberg ist deshalb ein Pilgerziel für Deutsch-Leistungskurse und Germanisten.
Im Jahr 1612 kaufte Reinhard von Gemmingen-Hornberg die Anlage. Ein Glücksgriff: Schöner als dort kann man kaum wohnen. Trotzdem ging es vor 17 Jahren um alles oder nichts. Sein Nachkomme Dajo stand kurz vor der Pleite. Dass er einmal in zwölfter Generation die Burg führen würde, war nie geplant. Als jüngstes Kind wäre er nach der klassischen Erbfolge des Adels leer ausgegangen. Doch schon früh zeigte er starkes Interesse an der Geschichte und studierte sogar Önologie, also Weinwissenschaften – Kenntnisse, die ihm bei der Bewirtschaftung des burgeigenen Weinguts helfen sollten. Die Familie einigte sich daher auf ihn als Nachfolger. Zu seinem Leidwesen erbte er nicht nur die Burganlage, sondern auch einen Schuldenberg. „Eine Katastrophe“, sagt er heute kopfschüttelnd.
Der Burgherr Dajo von Gemmingen-Hornberg. Foto: Astrid Möslinger
„Mit dem Weingut hat mein Vater jedes Jahr 100.000 Mark Verlust gemacht.“ Trotz der Verluste hielt dieser daran fest, auch wegen der langen Tradition. Am Hang unterhalb des Anwesens wuchsen schon in der Stauferzeit Rebstöcke. Hornberg gilt laut einer Urkunde von 1184 als das zweitälteste Weingut der Welt. Doch heutzutage ist eine solche Steillage nicht mehr rentabel zu bewirtschaften, im Gegenteil. Vor zwei Jahren zog Dajo von Gemmingen-Hornberg die Notbremse und legte den Weinberg still. Ohne Reue. „Es wäre ein Riesenfehler gewesen ihn weiter zu betreiben. Das hätte ich nicht durchhalten können.“ Heute bedecken Magerwiesen die früheren Weinterrassen – ein Tummelplatz für Bienen, Hummeln, Grillen und Schmetterlinge.
Nicht nur das Minusgeschäft beim Wein war bedrohlich, auch das Gemäuer bröckelte. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn auf einer mittelalterlichen Burg legt man das Werkzeug nie aus der Hand. „Jede Generation steckt den Wert eines Einfamilienhauses in die Erhaltung“, weiß Gemmingen-Hornberg. Marode Mauern und lose Dachziegel wurden für ihn zum Dauerstress.
Familienarchiv in Notlage verkauft
Und zu all dem spielte sich in der oberen Ruine auch noch ein Drama in mehreren Akten ab. Nach zwei kleineren Mauereinbrüchen stürzte ein größeres Stück ein. Der zweifache Familienvater erinnert sich noch gut an seine Gefühlslage damals: „Man weiß gar nicht mehr, ob man das überhaupt wieder in den Griff bekommt. Das erschlägt einen schier.“ Die Ursache war Efeu, romantisch anzusehen, aber für alte Gebäude ein Todesurteil, wie Denkmalschützer wissen. Er frisst sich durch jede Fuge, sodass Risse entstehen, sich Steine lockern und ganze Mauern zusammenfallen.
Genau das passierte auf dem Bergsporn über Neckarzimmern. Eine Mitarbeiterin des Landesdenkmalamtes stellte danach klar: Einzelne Reparaturen reichten nicht mehr aus. Die Burg brauchte eine Grundsanierung. Das bedeutete zwei Jahre Vorbereitung, 17 Seiten Maßnahmenkatalog, 60 Baustellen, zehn Jahre Gerüste, Baustaub und Maschinenlärm. Kosten: zwei Millionen Euro, eine gewaltige Summe. Trotz öffentlicher Zuschüsse musste Dajo von Gemmingen-Hornberg 30 Prozent davon selbst stemmen. Rücklagen hatte er keine. Kredite liefen bereits. Es wurde eng.
In seiner Not verkaufte er das Familienarchiv an einen Verwandten: Urkunden, Dokumente und Papiere, die früher in 30 Schränken auf dem Speicher lagerten. Auch seine Frau Daniela, eine Zahnärztin, unterstützte ihn. Sie investierte Ersparnisse in das Projekt „Burg“ und gab sogar ihre Praxis auf, um ihren Mann noch besser unterstützen zu können. Es stand viel auf dem Spiel. Hätte Gemmingen-Hornberg Teile der Burg sperren müssen, hätte er kaum noch Einnahmen aus Eintrittsgeldern, Führungen und dem Burg-Shop gehabt.
Ein Teufelskreis und leider kein Einzelfall: Michael Kirchschlager, Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung, kennt die Probleme, mit denen sich viele Eigentümer herumschlagen. „Burgen stehen vor Herausforderungen, die Hausbesitzer in der Stadt gar nicht kennen. Sie befinden sich auf einem Berg, haben häufig statische Probleme und der Baukörper ist deutlich größer als der eines herkömmlichen Hauses“, sagt der promovierte Historiker. Aus diesem Grund müssten Privatperson oft kapitulieren. In den vergangenen Jahren habe sich die Lage sogar noch verschärft, da sich die Baukosten mehr als verdoppelt hätten. „Vor fünf Jahren haben wir ein Dach noch für 180.000 Euro gedeckt. Heute sind wir bei 470.000 Euro“, nennt er ein Beispiel aus seiner Praxis. Trotzdem gehören in Baden-Württemberg von den über 3.300 Burgen und Burgruinen schätzungsweise noch zehn Prozent Privatleuten. Sie leisteten, so Kirchschlager, einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Kulturgüter und Wahrzeichen.
Der Innenhof der Burg Hornberg. Foto: Astrid Möslinger
Auf der Burg Hornberg gab es ein Happyend. Von weitem strahlt sie fast wieder so schön wie zu Berlichingens Zeiten. Auf den Türmen glänzen die neuen Ziegel, die Mauern sind sicher verfugt. 2019 verschwanden die letzten Gerüste. Klar ist auch: Eine solche Sanierung wäre heute wesentlich teurer gekommen.
Daher hat sich Gemmingen-Hornberg gewappnet. Mit dem Pächter seines landwirtschaftlichen Betriebs, dem Stockbronner Hof, stellt er 80 Hektar – das entspricht 112 Fußballfeldern – für die größte Freiflächen-Photovoltaikanlage in Baden-Württemberg zur Verfügung. Damit können zukünftig 35.600 Haushalte mit Strom versorgt werden. Baubeginn ist 2027.
Auf diese Weise möchte er sich ein Finanzpolster zulegen – auch für seinen 24 Jahre alten Sohn Paul. Er soll es einmal leichter haben als er selbst. „Das Leben auf einer Burg ist schön, wenn man Rücklagen hat. Es kann aber auch die Hölle sein, wenn man hochverschuldet ist, Zinsen zahlen und alte Familienschätze verkaufen muss“, betont er.
Vielleicht hat ihn die Krise noch bodenständiger und bescheidener gemacht. Er spart, wo immer es möglich ist. Im Winter, zum Beispiel, sind bei allen in der Familie Wollpullover angesagt, anstatt die Heizung voll aufzudrehen. Auch das Büro von Dajo von Gemmingen-Hornberg wirkt so schlicht wie das einer kleinen Spedition – ein Computer, daneben der Laserdrucker. Hinter dem Schreibtisch reihen sich auf den Regalbrettern Aktenorder. Nur wenn er durch den historischen Rundbogen auf seinen Balkon tritt, schaut er nicht auf Gabelstapler und LKWs. Dann kann er das Leben im Tal beobachten: die Schienen, die Straße und den Fluss. „Von hier oben ist das wie eine Märklin-Eisenbahn und Matchbox-Autos.“ – „Ich wohne gerne auf dem Berg“, sagt er nach einer kleinen Pause.
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