Ghosting in der Arbeitswelt: Wenn niemand mehr absagt
Ghosting ist nicht nur schlechter Stil in privaten Beziehungen – immer mehr Unternehmen, aber auch Stellensuchende klagen über diese Form der Nichtkommunikation.
Auch Restaurants haben mit Ghosting zu kämpfen. Foto: Adobe Stock / Надія Коваль
Das Schilfgras am Ufer bewegt sich im Wind. Vom Holzsteg aus reicht der Blick über den See aus der Eiszeit. Mitten in dieser Naturidylle liegt das Restaurant am Ihlsee. Es ist ein beliebtes Ausflugslokal in Bad Segeberg. Dort finden regelmäßig Hochzeiten, Jubiläen, Konfirmationen, Geburtstage und vor Weihnachten Betriebsfeiern statt. An diesem Abend im November hat sich eine Gruppe mit 15 Personen angekündigt – alle haben Ente gewählt. Der Tisch ist gedeckt, das Geflügel fertig, das Team wartet. Doch die Stühle bleiben leer. Zur vereinbarten Uhrzeit, um 18 Uhr, taucht niemand auf. Auch später nicht. Wie viele andere Gastronomen weiß Inhaber Lutz Frank, was es bedeutet, versetzt zu werden. Gäste reservieren einen Tisch und werden dann zum Phantom.
„Die No-Shows haben in den letzten Jahren zugenommen“, sagt Frank, seit kurzem Präsident des Dehoga-Landesverbands Schleswig-Holstein. Manchmal vergessen die Leute den Termin. Manchmal reservieren sie an mehreren Stellen und entscheiden je nach Wetterlage. Das Restaurant am Ihlsee mit seinen über 200 Plätzen kann das noch auffangen. Für Fine-Dining-Lokale mit nur wenigen Tischen ist Ghosting schnell existenzbedrohend.
Lutz Frank. Foto: Dehoga SH
Der Dehoga-Landesverband Nordrhein-Westfalen hat 2025 seine Mitglieder zu dieser Unart befragt. Das Ergebnis: Über drei Viertel der Betriebe haben Erfahrungen mit Ghosting. Rund 60 Prozent verzeichnen dadurch Umsatzausfälle von fünf Prozent, der Rest sogar darüber. Immer mehr Gastwirte versuchen sich dagegen zu wappnen, zum Beispiel mit Vorkasse oder No-Show-Gebühren wie etwa das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete „James Farmhouse“ in Flensburg. Frank verzichtet bisher auf solche Maßnahmen. „Die Mehrheit ist ja immer noch zuverlässig“, betont er.
Ghosting in Arbeitswelt: Zwei Drittel der Bewerber erhalten keine Antwort
Das Alte Stahlwerk in Neumünster ist ein imposantes Industriedenkmal aus rotem Backstein mit 100 Hotelzimmern, zwei Restaurants und 15 Tagungsräumen. Vor einigen Jahren hat sich der Betrieb der Online-Reservierungsplattform „Open Table“ angeschlossen. Der Vorteil: „Wer häufiger unentschuldigt den Termin verpasst, wird dort geblockt“, erläutert Managerin Stefanie Fröhlingsdorf. Zudem müssen Gäste, die an Feiertagen wie Muttertag, Weihnachten und Silvester oder zu Veranstaltungen im Buffet-Lokal einen Besuch planen, im Vorfeld Genusstickets kaufen. Das Konzept funktioniert. Dass Gäste Fröhlingsdorf und ihr Team hängen lassen, kommt nur noch selten vor. Allerdings ist es ein schmaler Grat. Einerseits gerät die Personal- und Einkaufsplanung durcheinander, wenn zu viele Termine platzen. Andererseits könnte man Kunden verprellen. „Manche könnten No-Show-Gebühren als Strafgebühren ansehen“, so Fröhlingsdorf. Auf Unverständnis stoßen die Maßnahmen jedoch nur selten.
Der Begriff Ghosting kommt aus den USA und beschrieb ursprünglich ein Phänomen im privaten Bereich. Menschen, mit denen man sich zu Dates verabredet, verbindet oder befreundet hat, lösen sich in Luft auf. Sie sind weg, ohne Erklärung und Nachricht, fast schon gespenstisch. Solche Kontaktabbrüche gibt es längst nicht mehr nur in Beziehungen. Auch im Berufsleben verschwinden Menschen kommentarlos oder tauchen erst gar nicht auf. Restaurantbetreiber und Friseure klagen darüber, Stellensuchende und Ausbildungsbetriebe sind davon betroffen.
Eine Studie der Bewerbungsplattform „Indeed“ vom April hat ergeben, dass zwei Drittel der Befragten von den Firmen keine Antwort auf ihre Bewerbung erhalten. Bei fast jedem Vierten geschieht das regelmäßig. 78 Prozent geben an, dass sich das Ghosting-Problem in den vergangenen zwölf Monaten verschärft hat. Diesen Negativtrend bestätigt die Karriere-Coachin Heide Liebmann aus Lübeck. „Das ist ein Spiegel der Kommunikationsprobleme, die ich in der Gesellschaft beobachte“, sagt sie. Einerseits gehe man mit harten Bandagen aufeinander los, andererseits entziehe man sich den Konflikten. Ihre Klienten berichten ihr tagtäglich von solchen Erfahrungen. „Das geht so weit, dass Bewerbende schon eine mündliche Zusage haben und danach nie mehr etwas vom Unternehmen hören.“ Der Versuch, noch einmal zum Ansprechpartner durchzudringen, wird abgeblockt, E-Mails bleiben unbeantwortet. „Das Selbstwertgefühl sinkt dann so auf knapp über Zimmertemperatur“, betont sie. Viele möchten dieses Ohnmachtsgefühl von sich abkoppeln. Liebmann hält das für falsch: „Es ist besser, erst einmal den Ärger, die Enttäuschung, den Frust zuzulassen. Danach kann man langsam überlegen, wie gehe ich damit um und einen Haken dahinter machen.“
Solo-Selbständige sind ebenfalls häufig mit stummen Absagen konfrontiert. Ein Sprachwissenschaftler aus der Nähe von Mannheim arbeitet in der Erwachsenenbildung und erinnert sich an einen besonders unwirklichen Fall: Für eine Volkshochschule in Baden-Württemberg entwickelt er ein Programm zur Alphabetisierung mit. Wochenlange Arbeit, Sitzungen, Konzepte, Workshops – alles kostet Zeit. Dann reißt der Kontakt ab. Erst nach ein paar Monaten erfährt er eher zufällig, dass das Projekt an eine Universität ausgelagert wurde. „Viele Festangestellte haben überhaupt kein Verständnis für die Arbeits- und Lebensbedingungen von Freien“, beklagt er.
Für die Berliner Psychologin Anja Wermann steckt hinter dem stillschweigenden Abschied mehr als nur schlechtes Benehmen. Vor fünf Jahren hat sie ihre Ghosting-Ambulanz gegründet. Die Unkultur, ohne Erklärung abzutauchen, setzt sich ihrer Meinung nach vor allem in der jüngeren Generation durch. „Unter 30 ist es fast normal geworden, dass geghostet wird“, sagt sie. Die Haltung, wegwischen statt reden, sei durch die Umgangsformen auf WhatsApp, Insta und Co. gesellschaftsfähig geworden. „Wenn mich jemand nervt, kann ich ihn einfach blockieren“, nennt die Psychologin ein Beispiel. Man muss sich nicht erklären, nicht zuhören und keine Schuld eingestehen. Viele reagieren darauf mit Wut oder Verletzung. „Wie stark Ghosting Menschen trifft, hängt oft von früheren Erfahrungen mit Verlust, Ablehnung oder Mobbing ab“, so Wermann.
Doch dieses Phänomen ist nicht nur ein Generationenproblem. Im Berufsleben ghosten beide Seiten: Firmen ignorieren Bewerbungen. Bewerber tauchen nicht auf. Auszubildende brechen wortlos ihre Lehre ab, lösen sich wie Geister auf. Tara Schütte ist Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer Flensburg und kennt die Beschwerden der Betriebe. „Die haben viel investiert, sich auf den neuen Mitarbeiter vorbereitet, mit ihm Gespräche geführt und dann schlägt er nicht auf“, berichtet sie. Nach Corona hat sich diese Entwicklung weiter verschärft. Laut Kammer verdoppelte sich die Zahl der Bewerber, die zum Ausbildungsstart nicht erscheinen, ohne abgesagt zu haben.
Andere wiederum verschwinden von einem Tag auf den anderen. „Ich habe gerade so einen Fall aus dem Baugewerbe“, erzählt Schütte. Der Lehrbetrieb verweigerte seinem Azubi den Urlaub, daraufhin erscheint er überhaupt nicht mehr zur Arbeit. „Wenn es unbequem wird, verabschiedet man sich“, beschreibt die Flensburger Ausbildungsberaterin die niedrige Toleranzgrenze. Auch danach ist es nicht sonderlich schwer, einen neuen Ausbildungsplatz zu finden. Es gibt genügend Ausreden, um einen Abbruch plausibel zu erklären: Man ist noch einmal ins Ausland gegangen oder hat ein Sabbatical eingelegt. „Das sind Trends, die früher undenkbar waren“, sagt Schütte.
Ausbildungsmarkt hat sich gedreht
Nicht immer geht es jedoch darum, die Work-Life-Balance auszupendeln. Hinter einem solchen Verhalten kann auch ein massives psychisches Problem stecken „Die Betroffenen halten bis zu einem gewissen Punkt durch und brechen auf einmal zusammen“, so Schütte. Sie seien dann noch nicht einmal mehr in der Lage, das Handy in die Hand zu nehmen, um sich abzumelden. Auch das habe nach Corona zugenommen.
Wie viele Auszubildende ihre Betriebe im Nebel stehen lassen, wird bundesweit nicht erhoben. Eine regelmäßige Betriebsbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg (IAB), einer Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, ermittelt nur die Gründe, warum Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Danach stieg der Anteil der Kandidaten, die eine zugesagte Stelle nicht antreten, zwischen 2013 und 2023 von 23 auf 27 Prozent. Vor allem kleine Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern leiden darunter. Dort betrug die Quote 28 Prozent. Ungeklärt bleibt dabei, ob die Azubis den Unternehmen förmlich abgesagt haben oder einfach nicht erschienen sind.
Ein Grund dafür: Der Ausbildungsmarkt hat sich gedreht – heute gibt es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. „Viele haben mehrere Angebote bekommen und können aus mehreren Stellen wählen“, erläutert die Arbeitsökonomin Ute Leber vom IAB. Außerdem sei ein Großteil der Schulabgänger bei der Berufswahl unsicher. Habe ich meinen Wunschberuf gefunden oder soll ich lieber noch weitersuchen? „Im Vergleich zu früheren Generationen erfolgt die Berufsorientierung spät und die Bewerber können aus einer Fülle von Berufen und Optionen auswählen. Das überfordert oft“, so Leber. Die Fakten sprechen für sich: Jeder dritte Ausbildungsvertrag wird heute vorzeitig aufgelöst.
Die Wissenschaftlerin rät den Unternehmen, mit Praktika oder Einladungen in den Betrieb eine Beziehung zu den Berufsanfängern aufzubauen, um Last-Minute-Absprüngen vorzubeugen. Den guten Draht hält auch Ausbildungsberaterin Schütte für entscheidend. „Die Betriebe sollten die Azubis möglichst früh ins Team einbinden und ihnen eine sichere Umgebung bieten.“
Verbindlichkeit kann helfen, die Ausfälle zu verringern. Ob das jetzt eine enge Bindung zwischen Azubi und Chef ist, oder ob das ein kurzer Erinnerungsanruf am Tag vor dem Restaurantbesuch, Anzahlungen oder Stornogebühren sind. Letztere sind rechtlich wasserfest, wenn sie in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen aufgeführt sind. Gastronom Lutz Frank appelliert lieber an seine Gäste. „Es ist einfach eine Sache der Wertschätzung.“ Es ist schon paradox: Noch nie war Absagen so einfach. Und noch nie fiel es so vielen so schwer. Eine einfache Nachricht würde reichen. Viele schicken nicht einmal die.
Auf dieser Website werden Cookies eingesetzt, um die Nutzererfahrung stetig zu verbessern und bestimmte Funktionen bereitzustellen. Mit dem Klicken auf "Akzeptieren" stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen erhalten Sie in der Datenschutzerklärung und im Impressum.
Diese Website verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen bereitstellen zu können und Ihren Besuch so angenehm wie möglich zu gestalten. Darüber hinaus werden Cookies von Analyse-Tools eingesetzt, um die Seite stetig verbessern zu können.
Analytische Cookies werden verwendet, um zu verstehen, wie Besucher mit der Website interagieren. Diese Cookies helfen dabei, Informationen über Metriken wie die Anzahl der Besucher, Absprungrate, Quelle des Datenverkehrs usw. zu liefern.
Notwendige Cookies sind für das ordnungsgemäße Funktionieren der Website unbedingt erforderlich. Diese Cookies gewährleisten grundlegende Funktionalitäten und Sicherheitsmerkmale der Website.