Die Esel-Methode: Wenn Tiere heilen, wo die Worte versagen

Tamara Krieg hat die Therapie sehr geholfen, sagt sie. Sie schmiedet wieder mutmachende Zukunftspläne. Foto: Sira Huwiler-Flamm Tamara Krieg hat die Therapie sehr geholfen, sagt sie. Sie schmiedet wieder mutmachende Zukunftspläne. Foto: Sira Huwiler-Flamm

Tamara Krieg leidet nach heftigen Schicksalsschlägen an einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung. Ganze Lebensentwürfe scheitern. Erst eine Therapie auf vier Hufen hilft ihr bei der Bewältigung.

Es ist ein bitterkalter Wintermorgen. Bei drei Grad und leichtem Schneefall hängen dicke Nebelschwaden zwischen den Schwarzwaldtannen am Berg über Sasbachwalden. Auf der Weide stehen die vier Esel Paco, Pepe, Leo und Samu eng aneinander gekuschelt in einer Ecke. Als ihre Besitzerin Bettina Mutschler (57) das Gatter aufsperrt, zieht Paco die Oberlippe hoch, zeigt seine weißen Zähne und setzt zu einer lautstarken I-Ah-Begrüßung an, die weit hinab ins Tal hallt. Mutschler ist systematische Beraterin, bietet hier auf dem Spinnerhof-Gelände tiergestützte Therapie an und hat heute ihre Klientin Tamara Krieg (32) aus Gernsbach (Landkreis Rastatt) dabei. Die kichert und sagt: „Na Paco? Freust du dich, dass ich mal wieder da bin?“

Auf den ersten Blick ist Tamara Krieg eine fröhliche junge Frau. „Aber noch vor anderthalb Jahren haben Panikattacken, ständig kreisende Gedanken und heftige Migräne und Magenschmerzen mein Leben lahmgelegt“, erinnert sie sich. Seit ihrer Jugend hatte Krieg, die heute als Altenpflegehelferin tätig ist, immer wieder depressive Phasen, die auch körperliche Beschwerden mit sich brachten. Starke seelische Verletzungen aus der Kindheit, über die sie nicht genauer sprechen möchte, sind einer der Gründe. In ihren jungen Erwachsenen-Jahren kamen zwei heftige Schicksalsschläge dazu:

Frisch von ihrem langjährigen Partner getrennt, zieht sie mit Mitte 20 zum Jahresende 2017 wieder in ihr Kinderzimmer im Elternhaus. „Ich war so traurig und wütend, ein ganzer Lebensentwurf scheitert ja mit so einer Trennung“, sagt sie. Das Einzige, was ihr in dieser Zeit Halt gibt, ist ihre Chihuahua-Hündin Sina. Doch dann wird sie am Karfreitag 2018 nach dem Gassigehen überfahren: „Direkt vor meinen Augen rollten die Reifen eines fetten SUVs über ihren Kopf, die Augen quollen raus – ich musste das alles sehen und brach mitten auf der Straße schreiend zusammen.“ Monatelang vergisst sie diese Bilder nicht mehr, weint sich in den Schlaf, denkt ihr Leben ist zu Ende. Ihre Oma ist es, die ihr schließlich Mut macht und sagt: „Öffne Dein Herz für einen neuen Hund, das darfst Du!“ Als die kleine Lotte bei ihr einzieht, kann sie langsam wieder nach vorne blicken, beginnt die Einliegerwohnung in ihrem Elternhaus liebevoll einzurichten. „Ich bin endlich angekommen!“

„Komm nach Hause, unser Haus brennt!“

Doch dann der nächste Schock: Nicht einmal ein Jahr später, im Januar 2019, klingelt in dem Pflegeheim, in dem Tamara Krieg arbeitet, frühmorgens das Telefon. Sie hört nur: „Komm nach Hause, unser Haus brennt!“ Wie in Trance eilt sie los, bahnt sich vorbei an Feuerwehrleuten, dicken Wasserschläuchen und Polizei den Weg zur qualmenden Ruine und ruft in all dem Wirrwarr minutenlang verzweifelt nach ihrer Mutter. „Zum Glück wurde niemand verletzt, aber seit diesem Tag bekomme ich bei jeder Feuerwehrsirene eine Panikattacke“, sagt Tamara Krieg, „mein Herz rast, ich beginne zu schwitzen und meine Beine sacken zusammen.“ In all den Jahren hat sie psychologische Gespräche. Aber die helfen nicht. Erst ein auf Traumata spezialisierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut stellt endlich die Diagnose: „Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) und überweist sie auch zu Ani.Motion, dem Institut für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden.

Tamara Krieg (r.) im Gespräch mit Bettina Mutschler. Foto: Sira Huwiler-Flamm
Tamara Krieg (r.) im Gespräch mit Bettina Mutschler. Foto: Sira Huwiler-Flamm

Seit rund anderthalb Jahren kommt Tamara Krieg alle 14 Tage. Heute haben die Esel zunächst keine Lust auf menschlichen Kontakt. Bettina Mutschler und Tamara Krieg akzeptieren das und setzen sich vor dem Schnee geschützt mit Klappstühlen in den offenen Stall, um sich über die vergangenen Wochen auszutauschen. „Wie war Deine Woche?“, fragt die systemische Beraterin. Und Krieg beginnt zu erzählen, dass vor einigen Tagen der Rauchmelder der Nachbarin losgegangen ist. „Ich hatte wieder sofort Herzrasen und konnte nicht mehr atmen“, sagt sie kopfschüttelnd, „dabei hatte sie nur Speck angebraten!“

Solche Trigger kennt Bettina Mutschler bestens aus ihrer langjährigen Arbeit mit Menschen mit PTBS: „Betroffene leben in ständiger Angst vor dem nächsten Trigger, sind oft noch viele Jahre in ihren traumatischen Erlebnissen gefangen“, erklärt die Expertin, „auf der Eselweide schaffen wir einen spielerischen und offenen Arbeitsraum, der nachweislich entspannt.“ Und dann ist es auch soweit: Neugierig lugt der erste Esel in den Stall, schnuppert an Tamara Krieg und positioniert sich mit seinem Hinterteil direkt vor ihr, dass sie ihn kraulen kann. Das tut sie genüsslich und grinsend, während sie weiter von ihrer Woche erzählt – von Besuchen im Fitnessstudio, Kaffeetreffen mit Freundinnen und davon, wie sie sich mit ihrem Mann das erste Mal im Wurstmachen versucht hat. Bettina Mutschler staunt und sagt: „Klasse, das sind Riesenfortschritte!“ Tamara Krieg lächelt, während sie Samu weiter am Hinterteil streichelt und sagt: „Ja, stimmt! Früher wäre das alles undenkbar gewesen. Ich war immer unter Strom, hab ständig das Haus geschrubbt, mir nie auch nur eine Mini-Auszeit gegönnt.“ 

Kleines Eselsäckchen hilft Tamara im Alltag

Diesen Drang nach Perfektion und To-Do-Erledigung kennt Mutschler, sie sagt: „Damals hattest Du große Angst vor Kontrollverlust, diese immer gleichen Abläufe haben Dir Sicherheit gegeben.“ Aber das Herz der Altenpflegerin ist leichter geworden – und das hat sie auch den Eseln zu verdanken: Die Tiere schulen Betroffene darin, sich beim Schmusen, Stall ausmisten oder gemeinsamen Spaziergang durch die Natur wieder achtsam und lebensfroh auf das Hier und Jetzt einzulassen. Hier wird kein Esel gezwungen, in Kontakt mit Betroffenen zu treten, sondern sie kommen, wenn sie selbst den Kontakt suchen: „Sie haben ihren eigenen Willen, stehen für sich ein, hören auf ihre eigenen Bedürfnisse. Dass ich das auch darf, habe ich hier auf der Weide gelernt,“ sagt Krieg lächelnd und fügt stolz hinzu: „Ich frage mich jetzt ganz oft: ‚Was brauche ich jetzt, dass es mir gut geht?‘ – nehme mir dann Zeit für meine Handarbeit, den Sport oder sage Einladungen ab, auf die ich einfach keine Lust habe!“

Bettina Mutschler bietet sogenannte tiergestützte Therapie an. Esel Paco ist der Therapeut auf vier Hufen. Foto: Sira Huwiler-Flamm
Bettina Mutschler bietet sogenannte tiergestützte Therapie an. Esel Paco ist der Therapeut auf vier Hufen. Foto: Sira Huwiler-Flamm

Nach und nach betreten auch die anderen drei Esel den Stall, mampfen schnaubend Heu, fordern bei den beiden Frauen auf den Klappstühlen Streicheleinheiten ein. Genüsslich reckt Paco den Hals, während Tamara Krieg fest, aber liebevoll zupackt und ihn krault. „Es ist nicht immer so wunderschön hier“, sagt sie und schluckt, „manchmal kommt ganz viel hoch und ich weine viel. Aber dann kommt einer der Esel, legt seinen Kopf auf meine Schulter und ich fühle bedingungslosen Trost!“ Während sie sich früher oft für ihre vielen Tränen selbst gehasst habe, könne sie Momente heute so annehmen und akzeptieren, wie sie sind. „Die Esel verurteilen mich nicht und das tue ich auch nicht mehr“, sagt sie, „ich habe gelernt, Selbstliebe zuzulassen und mich um mich selbst zu kümmern!“

Auch zwischen den Therapiesitzungen geben ihr die Esel Kraft: Ganz viele Selfies auf ihrem Smartphone mit Pepe und Paco zaubern ihr zwischendurch ein Lächeln ins Gesicht. „Und ich habe ein kleines Eselsäckchen bekommen, in dem Haare und Hufsplitter stecken“, sagt Tamara Krieg, „wenn ich mal Mut im Alltag brauche, weil zum Beispiel ein Feuerwehrauto samt Sirene an unserem Haus vorbeifährt, schnuppere ich daran oder knete es in meiner Jackentasche: Das gibt mir ganz viel Kraft!“ Ganz gesund und sorglos könne sie vielleicht nie werden. Aber heute weiß Tamara Krieg: „Das Leben ist gut zu mir!“ Im vergangenen Jahr hat sie geheiratet und schmiedet gemeinsam mit ihrem Mann wieder zuversichtlich Zukunftspläne.

***

++++ Ihnen gefällt unsere Arbeit? Unter diesem Link erklären wir, warum wir Ihre Hilfe brauchen und wie Sie eine wertvolle Unterstützung leisten. Vielen Dank! ++++

Hintergrund: Warum Esel-Therapie helfen kann

Die systemische Beraterin Bettina Mutschler (57) und Diplom-Psychologe Dr. Rainer Wohlfarth (65) haben gemeinsam nicht nur mehrere Bücher zum Thema geschrieben, etwa „Wie Tiere uns gesund machen: Über die Heilkraft der Tiere“ (‎btb Verlag 2022, 320 Seiten, 12 Euro), sondern auch Ani.Motion gegründet, das Institut für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden im Nordschwarzwald, das Trauma-Therapie, Coaching und Fortbildungen für Fachkräfte anbietet. Hier nennen die beiden sieben Gründe, warum die Esel-Therapie Menschen aus Traumata, Burnout und Depressionen helfen kann.

1. Urinstinkte: Jahrtausendelang lebten Mensch und Tier in der Natur Seite an Seite. Deshalb verbindet uns ein instinktives Band.

1. Motivation und Neugier, mit den Tieren in Kontakt zu kommen, schaffen eine offene Arbeitsatmosphäre – frei von Erwartungen und Druck.

2. Menschen sind soziale Wesen: Es erfüllt uns, für andere da und im Austausch mit anderen Lebewesen zu sein. Während viele PTBS-Betroffene Probleme damit haben, anderen Menschen zu vertrauen, bieten Tiere eine sichere, urteilsfreie Bindung. Dieser Austausch fördert nachweislich soziale Kompetenzen.

3. Die Oxytocin-Ausschüttung: Kontakt mit kuschelig-weichem Fell fördert die Kuschelhormon-Ausschüttung und holt die Patienten von der logisch-bewussten Denkebene in die emotional-unbewusste Ebene: Das öffnet Geist und Herz und blockierende Glaubenssätze wie „Ich bin krank“ und „Ich bin schwach“ rücken in den Hintergrund.

4. Achtsamkeit für das Hier und Jetzt wird beim Beobachten, Putzen, Spazieren und Streicheln geschult. Betroffene lernen, wie gut es tut, den Moment mit allen Sinnen wahrzunehmen. Grübelgedanken an Vergangenes und Sorgen um die Zukunft rücken in den Hintergrund.

5. Wertfreie Umgebung: Die Körpersprache der Tiere ist frei von Ironie, Nörgeln und Wertung. Esel sind nicht nachtragend, grübeln, werten und urteilen nicht. Das macht die Mensch-Tier-Beziehung so unkompliziert und leicht.

6. Die eigenen Grundbedürfnisse stehen bei Eseln an erster Stelle. Sie sind eigensinnig, egoistische und meinungsstabile Tiere. Patienten lernen: „Auch ich darf meine Bedürfnisse erkennen, sein wie ich bin und auf meine Bedürfnisse hören!“

7. Mit der Natur sein: Der Kontakt mit den Tieren selbst, aber auch die frische Luft und die Naturdüfte tun Herz, Kreislauf und Seele gut. Laut Studien senkt beides nachweislich sogar Puls, Blutdruck und körperliche Stressreaktionen.

Newsletter von Reporterdesk

Wir versenden zwei Newsletter: Als Leserin und Leser bekommen Sie monatlich eine ausgewählte Recherchen ins Postfach. An Mitarbeitende von Redaktionen verschicken wir Themenvorschläge.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.