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Frisst die neue digitale Medienrevolution ihre Kinder?
Die Erfindung der Druckerpresse markiert den letzten großen Umbruch der Kommunikationsgeschichte. Nun folgt die KI. Was können wir aus der Vergangenheit lernen?
Im Auftrag von US-amerikanischen KI-Unternehmen kaufen Zwischenhändler massenhaft Bücher von deutschen Antiquariaten. Die Exemplare werden digital eingelesen und vernichtet. Was bedeutet das für die Wissensbestände der Zukunft?
Für Reinhard Denecke beginnt die Geschichte mit einer Flut von nächtlichen Bestellungen. Wochenlang laufen zwischen 23 und sechs Uhr immer neue Aufträge in seinem Buchungssystem auf. Der Käufer: Zoom Books. Der Antiquar führt sein Geschäft in Braunschweig schon seit mehr als drei Jahrzehnten. Doch an einen Kunden mit derart skurrilen Wunschlisten kann er sich nicht erinnern.
Das Unternehmen aus Übersee füllt seinen Warenkorb nach dem Motto: je abseitiger, desto besser. Hier ein Essay über das Bild der Mittelmeerländer in der Reiseführerliteratur, dort badische Reden und Schriften aus dem Jahr 1987. Denecke wird misstrauisch und tauscht sich mit Kollegen aus. Sie berichten von ähnlichen Erfahrungen. Der Augsburger Antiquar Hartmut Schreyer bleibt dagegen fast unbeachtet. „Ich bin nur mit einer Bestellung beglückt worden. Der Grund ist wohl, dass ich keine ISBN-Nummer angebe und zunächst nur Titel mit ISBN bestellt wurden.“ Er verschickt lediglich eine Abhandlung über antike Geschichte nach British Columbia.
Manche Händler wittern hinter den Bestellungen Kreditkartenbetrug. Doch dann bringt ein Artikel in der „Washington Post“ Anthropic ins Spiel, das US-Unternehmen hinter dem Chatbot Claude. Die US-Zeitung berichtete im Januar über eine Klage von Autorinnen und Autoren gegen das KI-Startup. Der Vorwurf: Das Tech-Unternehmenfüttere seine Software mit urheberrechtlich geschützten Werken. Ein US-Gericht überrascht mit seinem Urteil. Es bezeichnet nur die Nutzung von Inhalten aus illegalen Downloads als unrechtmäßig, nicht aber das Einscannen von legal erworbenen gedruckten Büchern. Damit stützt das Gericht zumindest einen Teil des Verfahrens, das Anthropic wohl seit Juni 2024 anwendet.
Über verschiedene Dienstleister kauft die KI-Firma Druckwerke. Danach werden die Buchblöcke aus den Einbänden getrennt und Seite für Seite eingescannt als Trainingsfutter für die Sprachmodelle. Zum Schluss landen die Bücher im Schredder. Man nennt das Verfahren destruktives Scannen. Es ist schneller und billiger als herkömmliche Digitalisierungsmethoden. Zoom Books ist an diesem Buchscan-Projekt vermutlich nicht direkt beteiligt. Trotzdem erscheint es plausibel, dass das Unternehmen den Bücherankauf aus deutschen Secondhand-Buchläden für den Softwareanbieter in den USA steuert. Ein inzwischen gelöschter Blog-Beitrag von Zoom Books trug sogar den Titel „Wie man gebrauchte Bücher fürs KI-Training beschafft.“
Wer hinter den Bestellungen steht, lassen die Kanadier offen. So auch in einer Video-Konferenz, die Daniel Conrad von Booklooker, einem Online-Marktplatz für gebrauchte Bücher, mit einem Geschäftsführer von Zoom Books führt. Dieser versichert ihm, dass die erworbenen Exemplare weiterverkauft, recycelt oder gespendet werden, berichtet er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich persönlich halte das für wenig glaubwürdig. Die Art der bestellten Artikel und die Preise, die das Unternehmen dafür bezahlt, sprechen nicht dafür“, äußert Conrad seine Zweifel. Anfangs übersteigen die Portokosten teilweise sogar die Buchpreise. Erst später richtet Zoom Books ein Sammeldepot an der deutsch-polnischen Grenze ein.
Der Augsburger Antiquar Schreyer hält das Ganze für paradox: „Dass wir Antiquare mit unseren Büchern der KI auf die Sprünge helfen sollen, ist schon eine ironische Wendung unseres Anspruchs, der menschlichen Intelligenz Lese- und Arbeitsmittel zur Verfügung zu stellen.“ Sein Braunschweiger Kollege Denecke kann dagegen nichts Anstößiges an dem Geschäft finden. Mit den Verkäufen hat er zwischen 2.000 und 3.000 Euro verdient. „Es ist eine Banalität und viele Medien sind weit über das Ziel hinausgeschossen“, ist er genervt vom Wirbel.

In den sozialen Netzwerken eskaliert die Wut. Dort verbreitet sich das Gerücht, dass KI-Entwickler wertvolle historische Raritäten einlesen und dann wegwerfen. Belege dafür gibt es keine. Nach Auskunft der Händler hat Zoom Books ausschließlich auf Sortimente, die zwischen den 1970er-Jahren und 2022 veröffentlicht wurden, ein Auge geworfen. Es sind Bände aus einer Zeit, als Sprachmodelle noch keine Romane, Gedichte oder Sachbücher schreiben konnten. Bücher zu vernichten, ist zudem nicht verboten. „Bei Haushaltsauflösungen enden sie in Deutschland jedes Jahr millionenfach in Containern “, gibt Booklooker-Geschäftsführer Conrad zu bedenken.
Nach nur sechs Wochen ist der Boom wieder vorbei. Bei Denecke trudelt der letzte Auftrag am 12. Juni ein. „Vielleicht “, so der Vorsitzende des Verbands deutscher Antiquare, Matthias Brandis, „trifft es jetzt andere Länder und Regionen, zum Beispiel Tschechien oder den Balkan.“ Brandis hat das Ohr an der Branche. Einige Kollegen, berichtet er, hätten bei dem Geschäft mit Zoom Books einen sechsstelligen Betrag umgesetzt. Nach seinen Schätzungen versorgte sich das Unternehmen allein in Deutschland mit 700.000 Titeln.
Brandis sieht in diesem unerwarteten Geldsegen vor allem ein Warnsignal. Ein Kulturgut gehe Stück für Stück verloren. Früher war die Suche nach vergriffenen Büchern selbst ein Teil des Erlebnisses. Monate-, wochen-, tagelang stöberte man in Antiquariaten, um mit etwas Glück ein seltenes Exemplar zu entdecken. Heute genügen wenige Sekunden. Internetplattformen wie ZVAB und AbeBooks, mittlerweile Amazon-Töchter, zeigen denselben Titel bei Dutzenden von Händlern, häufig sortiert nach dem günstigsten Angebot. „Der Preiskampf ist brutal“, sagt Brandis. Mit dem Aufkauf von gebrauchten Büchern durch KI-Firmen sei jetzt eine neue Stufe erreicht. Er sieht im Einspeisen der Inhalte in Maschinen für den weltweiten Zugriff einen klaren Copyrightverstoß. „Aber das passiert in einer Geschwindigkeit, mit der niemand juristisch Schritt halten kann.“

Franz Hofmann, ein Experte für Urheberrecht von der Universität Erlangen-Nürnberg, bewertet die Lage anders. „Es gilt grundsätzlich der Territorialitätsgrundsatz“, betont er. Das bedeutet: Wenn die künstliche Intelligenz in den USA trainiert wird, ist das deutsche Urheberrecht davon nicht betroffen. Und selbst wenn die Bücher in Deutschland eingescannt würden, um damit große Sprachmodelle zu füttern, könne dies nach der sogenannten Text-und-Data-Schranke zulässig sein. Danach darf man einen Text nicht einfach auf einer Website hochladen, aber die darin enthaltenen Informationen sind frei. „Das Auslesen und Trainieren von Texten ist für mich deshalb urheberrechtlich kein Skandal“, erläutert er. Etwas anderes sei es, wenn Trainingsdaten beispielsweise in einer Antwort von ChatGPT als „KI-Inhalt“ verkauft werden. „Dann haben wir es letztlich mit Plagiaten, also einer klaren Urheberrechtsverletzung zu tun.“
Doch abgesehen vom Antiquariatsmarkt und dem Copyright steckt dahinter eine noch grundsätzlichere Frage. Was bedeutet es, wenn immer größere Teile unseres gedruckten Wissens in den Datenbeständen einiger weniger US-amerikanischer Technologiekonzerne landen? Selbst unscheinbare Fachbücher aus deutschen Antiquariaten sind ihnen offenbar mehrere Millionen Euro wert. „In diesen älteren Büchern liegt wertvolles Wissen über die Gesellschaft“, betont Kristian Kersting, KI-Forscher an der Technischen Universität Darmstadt. Gedruckte Bücher hätten gegenüber vielen Internetquellen einen klaren Vorteil.
Sie seien sorgfältiger recherchiert und sprachlich präziser. „Das Ziel sind ja Systeme, die wie Menschen den zeitlichen und historischen Kontext sehen.“ Gerade deshalb sieht Kersting die zunehmende Konzentration des Wissens kritisch. „Wir sollten Partnerschaften schließen, damit diese Digitalisierung wieder der Allgemeinheit zukommt.“ Brandis befürchtet hingegen unüberschaubare Folgen für seine Branche: „Die Tech-Unternehmen brauchen nur ein einziges Buch. Sobald es digitalisiert ist, verlieren alle übrigen Exemplare dieser Auflage ihren Wert.“
Astrid Möslinger

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