GEDENKTAG

Die unermüdliche Arbeit des Aufklärers

Buch der Erinnerung in Oberndorf am Neckar Das "Buch der Erinnerung" in Oberndorf am Neckar. Foto: Oberndorf.de

| Erschienen im Südkurier |

Der ehemalige Bürgermeister von Oberndorf am Neckar, Klaus Laufer, recherchiert seit Jahren die Schicksale von Opfern der Nationalsozialisten. Er traf dabei auf Widerstände – und auf große Dankbarkeit.

Oberndorf a.N. Ein fehlender Fingernagel an einer Hand, ein Brief, der eine tröstende Lüge enthält, ein Mann, der vor seiner Hinrichtung noch eine letzte Zigarette raucht – es sind Details, die unsere Erinnerung an Menschen prägen. Solche Details können wie ein Blitzlicht auf vergessene Opfer sein: Da ist die russische Zwangsarbeiterin Tatjana Muchina, die 1944, kurz vor ihrem Tod, ein Kind zur Welt brachte. Da ist der Brief, der eine Frau in Ruhe sterben lässt und da ist der polnische Zwangsarbeiter Stanislaw Jozwick, der sterben musste, weil er eine deutsche Büroangestellte liebte.

All diese Menschen sind Opfer des Nationalsozialismus. Niemand würde von ihnen wissen, wenn Klaus Laufer, der ehemalige Bürgermeister von Oberndorf am Neckar, nicht in den letzten 50 Jahren ihre Namen aus dem Dunkel gekratzt hätte. Heute stehen 18 von ihnen im „Buch der Erinnerungen“ an der zentralen Gedenkstätte in Oberdorf am Neckar.

Klaus Laufer ist ein Mann mit einer sanften Stimme. Gern macht er Pausen, denn er hat gelernt, zuzuhören und ahnt, wann der andere eine Frage hat. 1955 trat der damals 14-Jährige mit einem Hauptschulabschluß im Standes- und Sozialamt der Stadt Oberndorf a.N. seine Ausbildung an. „Kaum zehn Jahre nach dem Krieg , hatte ich es auf diesen Ämtern fast täglich mit Kriegsversehrten und Heimatvertriebenen zu tun, die auf der Suche nach Angehörigen waren“, sagt Klaus Laufer. „Das hat mich berührt.“

Laufer steht mitten in abgerissener Biografie

Was ihn früh in seiner neuen Stellung ärgert: Vielen Anfragenden, insbesondere ehemaligen Zwangsarbeitern, die Auskünfte wollten, kann er nicht helfen, da die meisten Unterlagen in den Rathäusern bei Kriegsende vernichtet wurden. „Da muss doch etwas gehen“, sagt er sich, Jahrzehnte bevor diese Redewendung zur Mode wird.

Im Spätsommer 1972 machte der Standesbeamte aus der behördlichen Hilflosigkeit eine Tugend. Ginny Sims, eine junge Frau aus Kanada, sucht nach dem Grab ihrer Mutter, die 1944 in Oberndorf beerdigt sein soll. Sie erzählt dem Standesbeamten, dass sie mit vier Jahren von einer russischen Ärztin nach Kanada geholt worden sei. An einer ihrer Hände fehlt ein Nagel. Auf dem Oberarm sind Narben zu erkennen. Klaus Laufer, der Standesbeamte, steht mitten in einer abgerissenen Biografie voller Rätsel. Das spornt ihn an.

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Ein Blick in den Pass zeigt: Ginny Sims ist am 23. November 1944 in Oberndorf geboren. „Im Geburtenbuch fand ich für diesen Tag den Eintrag über eine Geburt eines Mädchens mit Namen Natali Muchina im Ausländerlager der Zwangsarbeiter. Es war das einzige Kind an diesem Tag und musste also diese Ginny Sims sein“, sagt er. Mit dem Nachnamen Muchina kommt er im Sterbebuch weiter und kann Ginny wenig später auf den Talfriedhof zu einem Gedenkstein führen. Auf ihm steht der Name Tatjana Muchina. Die russische Zwangsarbeiterin, die am 1. Dezember 1944 starb, ist die Mutter von Ginny Sims.


„Ihre freudige Überraschung war die Initialzündung, das ganze Geheimnis ihrer Identität zu lüften“, sagt Klaus Laufer. Er schreibt noch am nächsten Tag an das russische DRK, telefoniert, studiert alte Akten. Und er bleibt am Ball.

Akte der “Ostarbeiterin” Tatjana Muchina. Foto: Privat

Erst 2002 gelingt es ihm Ludmilla Swoboda, die russische Ärztin, die Ginny zu sich geholt hatte, aufzustöbern. Sie stand am Totenbett der Tatjana Muchina und schreibt ihm, wie sie der kleinen Natali das Leben rettete: “Sie war dem Tode nahe, wir mussten ihre Wunden versorgen. Ihr Körper war übersät mit Furunkeln und Drainagen, die man ihr legen musste und die man alle aufgeschnitten hat, so dass ihr Körper heute noch Narben hat und ein Fingernagel fehlt”. Später wandert Ludmilla Swoboda nach Kanada aus, holte Natali im Alter von vier Jahren aus einem deutschen Waisenhaus zu sich und gibt sie in die befreundete Familie Sims, die das Kind letztlich adoptiert.

Heute kennt Ginny ihre ganze Geschichte: Ihre leibliche Mutter lebte in Moskau, hatte Lehrer als Eltern, studierte Medizin, arbeitete als Dolmetscherin und verliebte sich in einen deutschen Offizier, der später fiel. Mit Unterstützung ihres Geliebten flüchtete sie schwanger, zusammen mit einer Studienkollegin nach Deutschland. Das ist das Blitzlicht, das Klaus Laufers auf Tatjanas Muchinas Geschichte wirft.

Schloss Grafeneck wird erste fabrikmäßige Tötungsanstalt

Nicht sehr weit von Oberndorf entfernt, liegt das Schloss Grafeneck. Hier wurde die erste fabrikmäßig organisierte Tötungsanstalt im „Großdeutschen Reich“ errichtet. In einer Remise wurde ein gasdichter, als Duschen deklarierter, Tötungsraum eingerichtet, wo vom Januar bis Dezember 1940 insgesamt 10654 Menschen vergast wurden.

Ein ausgeklügeltes System der Nationalsozialisten diente dazu, die Spuren der Opfer zu verwischen. Dazu gehörte auch, dass Angehörige der Opfer „Trostbriefe“ bekamen, in denen von einem sanften Tod ihrer Angehörigen die Rede war. Sie trugen oft als Absender Orte mit malerischen Namen: Die Post kam zum Beispiel aus Sonnenstein in Pirna (Sachsen).

Ein Freund Klaus Laufers suchte nach seinem Onkel, der in Grafeneck gewesen sein soll und initiierte damit Klaus Laufers nächste Recherche. Er will wissen, wer die Menschen waren und wieviele es gewesen sind, die aus seiner Heimatstadt Oberndorf a.N. in Grafeneck umgekommen sind. Daher schreibt er sämtliche Psychiatrien der Umgebung an, meist stammten die Opfer aus ihren Häusern. „Einige schickten mir schnell alle Unterlagen“, sagt Laufer. Doch Nachfragen sind nicht immer erwünscht. „Von einer Psychiatrie habe ich bis heute keine Antwort.“ Am Ende konnte er die Namen und den letzten Weg von 18 Männern und Frauen seiner Heimatstadt und Umgebung aufklären. „Fünf von ihnen hatten noch Angehörige in Oberndorf“, sagt der ehemalige Bürgermeister „Ich habe mit allen Kontakt aufgenommen. Auch wenn es schwerfiel, mit solchen Nachrichten ein Haus zu betreten.“

Die Gespräche zeigten ihm, wie unterschiedlich mit den Erinnerungen an Deutschlands dunkelste Jahre umgegangen wird. Besonders rührte ihn die Aussage einer 90-Jährigen. Trotz besseren Wissens konnte er ihr nicht die Wahrheit sagen. „Sie hatte von den Nazis einen tröstenden Brief bekommen, der erklärte, dass ihr Vater an einer Lungenentzündung in Sonnenstein in Pirna gestorben sei und hatte die letzten Jahrzehnte mit dieser fast tröstlichen Botschaft verbracht. Die wollte ich ihr am Ende eines Lebens nicht nehmen.“ In Wahrheit war dieser Mann – einer der 18 Namen, die heute im „Buch der Erinnerung“ an der Oberndorfer Gedenkstätte stehen – nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg traumatisiert. 1928 kam er in ein psychiatrisches Krankenhaus. Das war sein Schicksal, als die Nazis an die Macht kamen – er wurde dort ermordet.

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Klaus Laufer an seinem Schreibtisch in seiner Heimatstadt Oberndorf am Neckar. Foto: Privat

Auf Dachboden liegen Durchschläge der Todeslisten

Wer heute Oberndorf am Neckar besucht, erlebt eine fröhliche, aufgeräumte Stadt mit einem geregelten Gemeindeleben. Blickt man mit Hilfe von Klaus Laufer zurück, ändert sich das Bild auf groteske Weise: Im selben Oberndorf – hat Klaus Laufer ermittelt – gab es von 1942 bis 1945 zwölf öffentliche Hinrichtungen. Doch die Listen mit dem Namen der Zwangsarbeiter des Waffenherstellers Mauser waren nach dem Krieg im Rathaus vernichtet worden.

Wie üblich wollte sich Klaus Laufer damit nicht zufriedengeben. Es ist eine ihm bestens bekannte Lohnbuchhalterin bei der Fa. Mauser, die ihm weiterhilft: „Schau doch mal bei uns auf dem Dachboden“, sagte sie. Und tatsächlich: Auf dem Dachboden des Waffenherstellers lagen die Durchschläge der Listen mit den Namen aller Zwangsarbeiter, die im Rathaus vernichtet wurden. Und tatsächlich: Auf dem Dachboden des Waffenherstellers lagen die Durchschläge der Listen mit den Namen der Zwangsarbeiter, die im Rathaus vernichtet wurden. Genug Material für Klaus Laufer nun mit Hilfe des polnischen Roten Kreuz weiterzukommen.

Laufer trieb die Gestapo-Akte des polnischen Zwangsarbeiters Stanislaw Jozwick auf: “In ihr ist akribisch nachzulesen, wann und um welche Uhrzeit die Hinrichtung stattfand, ob der Verurteilte noch etwas sagte, eine Zigarette rauchte, wie er aufgeknüpft und in eine Kiste gelegt wurde“, sagt der Rechercheur. In der Akte ist zu lesen: “Auf Befehl des Reichsführers SS und Chef der deutschen Polizei wird der oben genannte Pole am 11.6.1942, um 19.30 Uhr in der Nähe des Arbeitserziehungslagers erhängt. Er hatte im Dezember 1941 und Januar 1942 Geschlechtsverkehr mit der Büroangestellte Maria H. aus Oberndorf. ” Eine Liebesbeziehung als Todesurteil für einen 22-jährigen Mann.

Ausweis des Zwangsarbeiters Stanislaw Jozwick. Foto: Privat


Sein Resümee fällt nach 50 Jahren der Recherche gnädig aus. „Als ich in den 60er Jahren begann, habe ich Äußerungen wie `lass es sein, Du stichst da in ein Wespennest`, gehört“, sagt er. „In unserer Stadt war die Zeit noch nicht reif, um wirklich alles aufzuarbeiten.“ Das hat sich jetzt geändert. „In den letzten zehn Jahren, wurde es immer leichter, mehr zu erfahren. Ich denke, es fehlen nur noch ein paar Jahre, dann wird auch die letzte Hemmschwelle sich der Vergangenheit zu stellen, überwunden sein.“

Heute ist Klaus Laufer über 80 Jahre alt. 2014 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für seinen großen Einsatz im Sozialbereich und Ehrenamt. Einen Nachfolger hat er nicht: Sein Traum von dem jungen Menschen, der an seine Tür klopft, um seine Arbeit fortzuführen, hat sich nicht erfüllt. Er will die rund 30 Ordner, in denen penibel jedes Schriftstück abgeheftet ist, das seine Geschichten untermauert, der Stadt Oberndorf übergeben. „Man muss dort entscheiden wie die Dinge weiterverfolgt werden“, sagt Klaus Laufer etwas wehmütig. Aber: „Es gibt da einen jungen Archivar, dem ich meine Absicht angekündigt habe.

Klaus Laufer wird noch weiterarbeiten. Denn er weiß: Wer die Geschichte verstehen will, braucht die genauen Namen und Fakten. Namen wie Tatjana Muchina und Stanislaw Jozwick, an die der unermüdliche Aufklärer erinnert – nicht nur am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, sondern darüber hinaus. VOLKER TACKMANN

| Erschienen am 27. Januar 2022 im Südkurier|

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