Bundes- und Landespolitiker fordern Altersbeschränkungen für Social-Media-Plattformen wie TikTok. Auch das EU-Parlament sprach eine Empfehlung aus. Doch Experten sehen technische und rechtliche Hürden – und haben einen anderen Vorschlag.
Ein Freitagabend, diesen Oktober: Der ehemalige Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, tritt ans Mikrofon der Negativpreisverleihung „BigBrotherAwards“ in Bielefeld. Seit 25 Jahren macht der Verein Digitalcourage mit der Veranstaltung auf Datenschutzverstöße und übermäßige Überwachung aufmerksam. Weichert ist heute einer der Laudatoren. „Den BigBrotherAward 2025 in der Kategorie Social Media erhält die chinesische Plattform TikTok“, beginnt er seine Rede.
Den Negativpreis erhalte TikTok nicht nur, weil es den Datenschutz verletzte und Hatespeech sowie Fake-News verbreite, sondern auch weil es Menschen in ihren politischen Überzeugungen manipuliere und abhängig mache – insbesondere Minderjährige. „Meine heutige Laudatio ist für mich etwas Besonderes“, sagt Weichert. Sie richte sich nicht nur an den Preisträger und an die Öffentlichkeit, sondern insbesondere an seine Enkelin. „Ich nenne sie hier „Marie“. Marie ist 17 Jahre alt und nutzt mit Begeisterung TikTok. Die Laudatio wendet sich zudem an die Millionen Jugendlichen, die in ähnlichem Maße TikTok nutzen.“
Social Media-Verbot: EU-Parlament spricht Empfehlung aus
Die Debatte um ein mögliches Verbot von Social-Media-Diensten wie TikTok und Instagram bis zu einer bestimmten Altersgrenze ist in vollem Gange. Für Furore sorgte der Vorstoß von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) im Juni, den Zugang erst ab 16 Jahren zu ermöglichen. Ebenfalls im Juni forderte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ein entsprechendes Gesetz. Das Mindestalter könne „bei 14 oder 16 liegen, darüber werden wir sprechen müssen“, sagte die Ministerin. Kritiker bemängeln, dass dadurch Grundrechte von Heranwachsenden eingeschränkt werden: die Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit und digitale Teilhabe. Eine Expertenkommission der Bundesregierung soll nun bis zum Sommer nächsten Jahres konkrete Vorschläge erarbeiten, wie eine Altersbeschränkung in Deutschland aussehen könnte.
Das Europäische Parlament hat am Mittwoch mit großer Mehrheit eine Empfehlung verabschiedet, soziale Netzwerke, Video-Plattformen und KI-Dienste für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren zu beschränken. Ziel ist, den Zugang von Minderjährigen zu Diensten wie TikTok, Instagram oder YouTube stärker zu regulieren und so ihre psychische und physische Gesundheit besser zu schützen. Laut dem verabschiedeten Text sollten Kinder unter 13 Jahren grundsätzlich keinen Zugang zu solchen Plattformen erhalten. Jugendliche von 13 bis 16 Jahren dürften Dienste nur mit Einwilligung der Eltern nutzen. Das Parlament allein kann mit seiner Forderung noch kein Gesetz in Kraft setzen — die Kommission müsste einen konkreten Vorschlag für eine Richtlinie oder Verordnung erarbeiten und einreichen.
Aber: Wie realistisch ist das Vorhaben überhaupt? Darüber gehen die Einschätzungen auseinander. „Altersbeschränkungen halte ich für technisch schwierig umsetzbar und deshalb nicht für den praktikabelsten Weg“, sagt Weichert. Denn die Methoden, um das Alter nachzuweisen, seien allesamt unzuverlässig. „Das zeigen auch aktuell laufende Versuche in Australien und Großbritannien.“ Der britische Online-Safety-Act schreibt vor, dass Plattformen strenger gegen Hassreden, Cybermobbing und andere schädliche Inhalte vorgehen müssen. Seit dem 25. Juli 2025 müssen Plattformen sichere Methoden wie Gesichtsscans, Ausweisprüfungen oder Kreditkartenprüfungen einsetzen, um das Alter von Nutzern zu verifizieren, die auf schädliche Inhalte zugreifen möchten. Datenschützer wie Thilo Weichert kritisieren, dass dafür umfangreich persönliche Daten erhoben werden. „Die Regelung kann außerdem mit Tools wie sogenannten VPNs sehr leicht umgangen werden“, sagt Weichert.
Stephan Dreyer, Medienrechtler beim Leibniz-Institut in Hamburg, weist nicht nur auf technische Hürden, sondern ebenfalls auf juristische Schwierigkeiten hin: „Der Jugendschutz auf Online-Plattformen ist voll auf der EU-Ebene geregelt. Das bedeutet, dass einzelne Staaten keine eigenen Regelungen treffen können“, sagt Dreyer. Die Altersbeschränkung für Social Media müsste also auf EU-Ebene entschieden werden, nötig wäre eine sogenannte qualifizierte Mehrheit der Mitgliedsstaaten.
Verbot von Social Media: Australien zeigt Komplexität
Wie komplex ein Verbot ist, zeigt das Beispiel Australien. Ende 2024 hatte das Land die Ausarbeitung von Gesetzen angekündigt, die Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren den Zugang zu Onlinediensten verbieten sollen. Das Gesetz verlangt von Plattformen „angemessene Maßnahmen“, sonst drohen hohe Geldbußen. „Die australische Kommission, die die Machbarkeit einer technisch zuverlässigen und flächendeckenden Altersfeststellung prüft, kommt zu gemischten Ergebnissen: Es gibt viele Ansätze für technische Verfahren der Altersfeststellung, aber kein Tool erfüllt alle gesetzlichen Voraussetzungen an Niedrigschwelligkeit, Offenheit, Zuverlässigkeit und Datenschutz“, sagt Dreyer. Es droht daher Chaos, wenn das Gesetz in einigen Wochen gelten soll.
„Ich glaube, das Wichtigste ist, dass in der Öffentlichkeit und insbesondere bei den Eltern und in der Schule ein Bewusstsein für die negativen Auswirkungen von Social Media geschaffen wird“, sagt Datenschutzexperte Thilo Weichert. „Es braucht die Einsicht, dass auch ein gewisser Verzicht bzw. ein gewisses Detox sinnvoll ist“, sagt er. In der Schule könnten das sogenannte „Smartphone Hotels“ sein, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre Geräte während des Unterrichts verstauen. Ähnlich sieht es der Bildungsforscher Professor Klaus Zierer von der Universität Augsburg. „Wir tun gut daran, in mehreren Perspektiven zu denken: Die Plattformen sollten in die Pflicht genommen werden, es wäre absolut sinnvoll Altersbeschränkungen bis 16 Jahren einzuführen und die Eltern sollten ihrer Verantwortung gerecht werden“, sagt Zierer. Es brauche mehr Medienkompetenz bei den Eltern, um überhaupt die Kinder und Jugendlichen angemessen unterstützen zu können. „Wir müssen schauen, dass wir junge Menschen schützen und ihnen nur zumuten, was sie auch leisten können“, sagt der Forscher mit Blick auf die psychologische Entwicklung von Heranwachsenden. Zierer plädiert dafür, in der Schule die Jugendlichen ab der Sekundarstufe 1 begleitet an Social-Media-Dienste heranzuführen. Sowohl Befragungen unter Eltern wie auch unter Schülern kommen zu dem Ergebnis, dass eine Mehrheit eine Regulierung befürwortet, betont der Erziehungswissenschaftler.
Die 17 Jahre alte Enkeltochter des Datenschutzexperten Thilo Weichert dürfte das anders sehen. Sie schaut gerne auf dem Sofa liegend TikTok-Videos, wie ihr Großvater erzählt. „Zwar sehe ich bei ihr nicht die Gefahr einer politischen Beeinflussung, weil sie sich vor allem Videos mit Schminktipps anschaut“, schmunzelt Weichert. Grundsätzlich sorge er sich aber wegen populistischen und die Demokratie infrage stellenden Inhalten auf der chinesischen Plattform. „Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die AfD bei Jugendlichen in Umfragen so beliebt ist.“